Neuigkeiten 2011
Hier finden Sie Informationen von Aktivitäten und Fachvorträgen
Gemeindepsychiatrie: Der Weg geht weiter
Zur Erinnerung an Dr. Peter Auerbach
In Bochum wurde in den letzten 30 Jahren aus dem Nichts heraus ein
sozialpsychiatrisches Versorgungsnetz aufgebaut, das inzwischen als modellhaft gilt.
Einer der wesentlichen Motoren dieser Entwicklung war - inzwischen leider verstorben -
Dr. Peter Auerbach. Mit dieser Veranstaltung möchten wir an ihn und seine Impulse
erinnern. Dazu laden wir ganz herzlich Betroffene, Angehörige, Weggefährten und die
interessierte Öffentlichkeit ein.
Seine Grundhaltung und seine Ziele haben nicht nur das Martin Luther Krankenhaus
und "Die Brücke" geprägt, sondern sind ausgestrahlt auf ganz Bochum.
Gemeinsam verpflichten sich unterschiedliche Träger zur Personenzentrierung und zur
Kooperation im Gemeindepsychiatrischen Verbund, dem Veranstalter.
Im Sinne von Peter Auerbach möchten wir bei dem Erreichten nicht stehen bleiben,
sondern die Bochumer Gemeindepsychiatrie gemeinsam weiter entwickeln und
einige dieser Wege für die kommenden 10 Jahre aufzeigen.
Ich wünsche uns allen interessante Ein- und Ausblicke!
Dr. Jörg Kalthoff
Sprecher des Gemeindepsychiatrischen Verbunds
(Der Text der Einladung ist auszugsweise wiedergegeben )
14.00 Uhr Grußwort: Dr. Ottilie Scholz
14.15 Uhr 1980 - Die Bochumer Psychiatrie lernt laufen
Eckard Sundermann, Diakonie Ruhr,
Marion Meichsner, Die Brücke
Sabine Tausch-Koerth, Krankenschwester
Dr. Herbert Breede, Nervenarzt
Dr. Jörg Kalthoff, Sozialpsychiatrischer Dienst
15.00 Uhr 2010 - Wo stehen wir jetzt?
Prof. Dr. Karl-Heinz Beine, Chefarzt St. Marien-Hospital Hamm
16.00 Uhr 2020 - Wo wollen wir hin?
Klaus Rehberg, Selbsthilfegruppe Bochum:
"Betroffene, Angehörige und Selbsthilfe"
Claudia Seydholdt, Vorstand "Die Kette e.V."
Neue Konzepte
Dr. Jürgen Höffler, Chefarzt Martin-Luther-Krankenhaus
"Gegen das Stigma"
17.30 Uhr Ende der Veranstaltung
2020 - Wo wollen wir hin? Betroffene, Angehörige und Selbsthilfe
Vortrag von Klaus Rehberg, gehalten am 23. 3. 2011
Sehr geehrte Frau Auerbach, verehrte Vertreter der teilnehmenden Institutionen, liebe Gäste,
Betroffene und Angehörige.
Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, gestatten Sie mir einen kleinen Schwenker.
Was führt einen zweifachen Familienvater, der bei der Adam Opel AG in der Qualitätssicherung
für die Prüfung von ofengehärteten und induktivgehärteten Teile eines Automobils zuständig war
und mit den Härteprüfverfahren nach Rockwell, Vickers, Brinell, sowie Messungen im µ Bereich
( sprich müh ) Ra, Rmax für Oberfächenrauhtiefe zu tun hatte, sich mit psychischen Dingen und
der Gründung einer Selbsthilfegruppe für depressive Menschen zu befassen?
Die Erkrankung der Tochter an einer Borderline Persönlichkeitsstörung
Der eigene Zusammenbruch 1994
Nach einem Kuraufenthalt von 12 Wochen in einer psychosomatischen Klinik in Tecklenburg ging
ich nach Dortmund in eine Selbsthilfegruppe für depressive Menschen.
Mein Grund in eine SHG zu gehen war: Ich spürte, dass ich mich zurückgezogen habe!
In Dortmund fand ich eine Gruppe vor, in der Psychopharmaka und deren Verstärkung mit
Tranquilizer wichtiger waren, als Wege aus der Depression.
Dies führte dazu, dass auf meine Initiative es am 25. Oktober 2001 in Bochum in der Oase
zur Gründung einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen kam.
Wir waren von Anfang an eine überregionale Selbsthilfegruppe, deren Teilnehmer / innen
aus den Städten Herne, Gelsenkirchen, Essen, Datteln, Hagen, Sprockhövel und Bochum kamen,
weil es zu der Zeit in den umliegenden Städten noch keine Selbsthilfegruppen für Depressive gab.
Sie haben einen großen Schritt getan - aus der Isolation - zu uns in die Selbsthilfegruppe
so werden von uns neue Teilnehmer/innen begrüßt.
Außer der Erkrankung Depression geht es auch um Medikamente und die Psychotherapie
- also ein breites Spektrum.
Unter den Teilnehmerrinnen/Teilnehmern werden verschiedene Persönlichkeitsstörungen, Angst,
Panik erkennbar, es geht in der heutigen Zeit auch um Mobbing, Arbeitslosigkeit, Partnerschaftsprobleme.
Schlimm ist, wenn zu einer Depression noch die Medikamentenabhängigkeit ( Sucht ) kommt!
Das Bochumer Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie hatte damals bei den Gruppenmitgliedern
einen schlechten Ruf - "Da würde ich nicht noch einmal hingehen".
Dies hat sich geändert, seit Herr Prof. Dr. Juckel die Leitung des Zentrums übernommen hat.
Sehr positiv war, als Dr. Assion 2005 auf uns zugekommen ist, wo es um die Planung und
Durchführung einer Veranstaltung im RuhrCongress Bochum ging.
( Menschen mit einer bipolaren Störung besser verstehen, 22.10.2005, 10.00 - 13.00 Uhr )
Ein gleiches positives Gefühl bekam ich, als Dr. Höffler mich fragte, ob ich heute diesen Beitrag
erarbeiten und vortragen möchte.
Einige Gruppenmitglieder nehmen seit Jahren an den Dortmund - Hemeraner Tagen für Psychiatrie und
Psychotherapie teil, weil wir erfahren wollten, was geht im Kopf eines Depressiven vor und was ist
Stand der Wissenschaft und Meinung der Fachärzte. 2005 sind wir mehrfach zu Informationsveranstaltungen
nach Düsseldorf gefahren, die im Rahmen des Bündnisses gegen Depression stattfanden.
Was macht einen Menschen depressiv? Heute weiß ich, das es ein Prozess von bis zu 10 Jahren sein kann,
bis eine Depression sichtbar wird.
Seit dem 1. April 2003 betreibe ich im Web eine Homepage zu Depressionen unter:
www.depression-bochum.de. Die Schweizer Dachorganisation "Equilibrium" hat unsere Homepage als eine
der wenigen Selbsthilfegruppen außerhalb der Schweiz, in die Linkliste aufgenommen.
Ausblick und Wünsche für 2020:
Laut WHO (Weltgesundheitsorganisation ) werden psychische Krankheiten drastisch zunehmen.
Der Bedarf an neuen Selbsthilfegruppen wird sich erhöhen.
Bestehende Selbsthilfegruppen stehen vor dem Problem dass sie
zu groß werden - über 15 Teilnehmer ist keine gute Arbeit möglich,
überrannt werden von neuen Mitgliedern
überfordert werden, wenn zuviel neue Leute gleichzeitig kommen.
es Probleme mit der Integration neuer Teilnehmer/innen gibt
so schnell keine neuen Räumlichkeiten für eine 2. Gruppe vorhanden sind.
In Bochum treffen sich in der Oase bereits 2 Gruppen zeitgleich in verschiedenen Räumen.
In Dortmund treffen sich schon jetzt jeden Sonntag 3 Depressionsgruppen in 3 verschiedenen Räumen
eines Hauses.
Wünsche an die Kliniken:
Wir als Selbsthilfegruppe wünschen uns eine gute Zusammenarbeit mit den Kliniken.
Wir wünschen uns, dass von den Fachärzten unsere Arbeit und die Leistung anerkannt wird und
der Umgang auf Augenhöhe passiert. Wir überbrücken nach einer Klinikentlassung oftmals den Zeitraum
bis der Entlassene eine Psychotherapieplatz bekommen hat und dies dauert oftmals bis zu 6 Monate.
Patienten sollten erst aus der Klinik entlassen werden, wenn die meist höheren Medikamentendosierungen
auf das Normalmaß ausgeschlichen sind.
Der Patient wird mit dem Problem alleine gelassen, auch wenn der Hausarzt die Weiterbehandlung
übernimmt!
Patienten sollten besser auf die Entlassung aus der Klinik vorbereitet werden.
Wünschenswert sind Regelungen zwischen Kliniken und Jobcentern, damit z. B. Hartz IV Empfänger
nicht sofort dem Druck der Behörde ausgeliefert sind.
Wünsche an die Pharmahersteller:
Die Patienten wünschen sich bessere, wirkungsvollere Psychopharmaka, die nicht dick machen, die keinen
trockenen Mund verursachen und sonstige Nebenwirkungen verursachen.
Eine bessere Verträglichkeit mit anderen Medikamenten.
Seit einiger Zeit werden zunehmend Diskussionen geführt über Kosten - Nutzen - Risiko Bewertung,
Wirksamkeit - Nutzen - Notwendigkeit - Effizienz im Gesundheitswesen.
Wirtschaftlichkeitsaspekte nach § 12und § 70 SGB V:
Leistungen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich, dürfen das Maß des Notwendigen nicht übersteigen.
Kriterien der Nutzenbewertung nach § 35 b:
Beim Patienten-Nutzen soll insbesondere die Verbesserung des Gesundheitszustandes, eine Verkürzung der
Krankheitsdauer, eine Verlängerung der Lebensdauer, eine Verringerung der Nebenwirkungen sowie eine
Verbesserung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität berücksichtigt werden.
Große Umwälzungen stehen der Pharmaindustrie bevor ( wahrscheinliches Szenario 2020 )
Technologisch: Neue Wirkprinzipien für Medikamente gewinnen an Bedeutung und große Innovationen zunehmend in
Überlappungsbereichen von Technologien z. B. Nano - Bio - Neuro. Anteile der Generika, ambulante Behandlung
und Präventionsmaßnahmen erhöhen sich weiter, Kostenargumente dominieren weiter Nutzenargumente.
Auszug aus einem Beitrag von Dr. Michael Nusser, Frauenhofer Institut System und Inovationsforschung.
( IQWiG Herbstsymposium 2006 )
Warum bringe ich dies hier ein?
Es wird deutlich, dass immer mehr nur nach Gesetzen entschieden wird und die Versorgung nur noch
ausreichend und auf das Notwendigste beschränkt wird.
Schon heute gibt es Gerüchte, die Psychotherapie in Kliniken werde auf eine Dauer von 25 Minuten begrenzt.
Was sollen wir von dem Slogan der Bundesregierung:
"Ihre Gesundheit ist uns wichtig" halten?
Gerade in Punkto Psychotherapie haben Betroffene große Probleme sich in der Vielzahl von Abkürzungen
zurecht zu finden:
IPT, IPSRT, STPP, GPT, KVT, MBCT, CBASP, FFT usw. aufgelistet nach Prof. Dr. Hautzinger
Selbst die 4 zugelassenen Therapieformen: Kognitive Therapie, Verhaltenstherapie, Interpersonelle Therapie,
Psychodynamisch - analytische Therapie sagen den wenigsten Menschen etwas.
Angehörige:
Zur Lebenssituation der Partner depressiver Patienten möchte ich aus der Dissertation von Jeanette Bischkopf
von der Freien Universität Berlin ein paar Auszüge zitieren:
Epidemiologische Untersuchungen zum Stigma psychischer Krankheiten zeigten, dass Depression in Fallvignetten
von 60 % der Befragten nicht als psychische Störung erkannt wurden.
Depression wurde von ca. der Hälfte als Folge einer Charakterschwäche angesehen!
In diesem Spannungsfeld wird die Krankheit in den Familien der Patienten erlebt. Ein angemessenes Bild
von der Erkrankung entsteht oftmals erst durch eigene Erfahrungen und in Auseinandersetzungen
mit extremen Positionen. Dieser Prozess vollzieht sich für die Familien häufig verbunden mit Ratschlägen:
Akzeptieren Sie die Depression als Erkrankung !
Ziehen Sie den Arzt zu Rate !
Bleiben Sie geduldig ! Überfordern Sie sich nicht !
Seien Sie zurückhaltend mit gut gemeinten Ratschlägen !
Treffen Sie keine wichtigen Entscheidungen
Offen ist hingegen, ob und wie diese Ratschläge die Lebenswelt der Familien treffen und von ihnen
umgesetzt werden können. Die Auswirkungen von Depressionen auf den familiären und partnerschaftlichen
Alltag sind gravierend. Familiäre Funktionsbereiche sind mit einem depressiven Angehörigen stärker
beeinträchtigt als Familien von Patienten, die an Alkoholabhängigkeit, Schizophrenie, bipolaren Störungen,
Angststörungen oder Anpassungsstörungen leiden. Depression hat nach Ansicht sowohl der Patienten als
auch ihrer Partner einen stärkeren Einfluss auf das eheliche Zusammenleben als z.B. Rheuma oder
eine Herzerkrankung.
Den Lebenspartner interessiert: Wie wird das, was sie erleben, im klinischen Kontext eingeordnet,
wie heißt diese Krankheit an der die Partner leiden? Woher kommt sie? Wie kann sie behandelt werden?
Ist sie heilbar? Wird sie wieder auftreten? Wie lange wird sie dauern? Kann sie sich verschlimmern?
Wird der Partner oder Partnerin wieder arbeitsfähig werden? Wo finden wir Unterstützung?
Partner von Patienten werden vielfach als "Therapeutische Ressource" wahrgenommen, weniger jedoch
in ihrer eigenen Situation unterstützt.
Soweit die Zitate von Jeanette Bischkopf
Ich sage es kurz: Angehörige benötigen dringend Hilfe, damit sie nicht eines Tages selbst an Depressionen erkranken!
Deshalb kann ich Angehörigen nur auffordern, formieren Sie sich und bilden Sie eine Selbsthilfegruppe.
Dachverbände:
Wir erwarten
mehr Mitbestimmung für Selbsthilfegruppen wenn es um die Einbeziehung in Bündnisse geht.
Mehr Transparenz über die Verteilung der Fördermittel
Einen höheren Anteil aus der staatlichen Selbsthilfeförderung, als die bisherigen 6 Cent
Einsicht von Nakos, Koskon, das ein finanzieller Teilverzicht nötig ist, um einen größeren Betrag für SHG zu ermöglichen.
Eine zukünftige kostenfreie Nutzung von Räumen für Selbsthilfegruppen
Die Schaffung von zusätzlichen Räumlichkeiten für zu erwartende Gruppen-Neugründungen
Gezielte Fortbildungsangebote zur Ausbildung neuer Gruppenleiter ( Generationswechsel )
Gruppenleiter werden nicht geboren und fallen auch nicht vom Himmel.
Depression ist immer und hat immer eine Geschichte.
Die Geschichte eines einzelnen, einzigartigen Menschen.
Dies für Depressionen gesagte, ist sicher auf andere Krankheitsbilder zutreffend.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit !