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Wege aus der Depression
Psychologische Aspekte :
Psychologen haben untersucht, wie wir uns verhalten, wenn wir depressiv sind.
Dabei hat sich ergeben, dass wir uns dann nicht so verhalten können, dass wir Angenehmes
erleben oder uns vergnügen. Viele Menschen bleiben in ihrer Depression gefangen, weil es in
ihrem Leben offenbar nicht viel gibt, das ihnen Zufriedenheit oder Freude vermitteln oder ihre
Selbstachtung aufbauen könnte.
Die sogenannte Kognitive Theorie ist die am gründlichsten erforschte Theorie der Depression.
Der Kognitiven Theorie zufolge stehen bestimmte Denkweisen mit bestimmten Arten von Problemen
in Zusammenhang, beispielsweise
Panik - An diesen Angstsymptomen werde ich noch sterben.
Soziale Angst - Ich werde etwas tun das mich töricht und dumm wirken lässt und dann
werde ich zurückgewiesen, oder bin blamiert.
Depression - Ich bin böse, schwach und unzulänglich, und die Zukunft bietet keine Hoffnung.
Paranoia - Alle sind darauf aus, mich zu kriegen.
Wut - Die anderen sind böse und unfreundlich, behandeln mich unfair oder übervorteilen
mich und müssen bestraft werden.
Wenn man sich mit den Gedanken befasst, die mit bestimmten Problemen einhergehen, kann man
lernen, diese Gedanken an der Realität zu überprüfen und andere mögliche Denkweisen zu entwickeln.
Mit der Kognitiven Therapie können die Betreffenden wahrnehmen, wie ihr Denken zu ihrer Belastung
beiträgt ( speziell zu ihrem Gefühl des Unterlegenseins ), durch Änderung ihrer Sichtweise der
Probleme können sich ihre Symptome bessern. Wenn sie darüber hinaus noch ihre Einstellungen und
ihre Grundannahme über sich selbst verändern, können sie ihre Gefühle besser steuern und sind so
weniger anfällig für Angst und Depressionen. Wenn wir depressiv sind, haben wir in der Regel sowohl
innere Probleme ( eine negative Sichtweise unserer selbst, der Welt und der Zukunft ) als auch äußere
( etwa Geldsorgen oder Beziehungsschwierigkeiten ).
Es gibt Patienten, die aufgrund von Überarbeitung erschöpft waren und dann mit den Anforderungen
an sie nicht mehr zurechtkamen. Sie merkten, dass sie Fehler machten und überfordert waren,
schämten sich ihrer Fehler und wurden depressiv.
Nun sind die meisten Depressiven echte Kämpfer.
Man sieht sehr selten depressive Personen, die die Füße hochlegen, ihre freie Zeit genießen und ihre
eigenen Grenzen kennen - dies hat manchmal auch mit Perfektionismus zu tun.
Während wir uns Schritt für Schritt aus einer Depression herausarbeiten, können wir uns
verschiedene Aufgaben stellen.
* Lernen Sie, sich auf Ihre Gedanken und Gefühle einzustellen und sie genauer zu erkennen.
* Schreiben Sie Ihre Gedanken auf oder nehmen Sie sie auf Band auf.
* Lernen Sie, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein.
* Lernen Sie, große Probleme in kleinere zu zerlegen.
* Stellen Sie sich immer nur Hausaufgaben von geringem Umfang.
* Lernen Sie, selbstbewusster zu sein und sich weniger selbst anzugreifen.
Kleine Ziele können sein :
* Jeden Tag etwas mehr tun.
* Einer bestimmten Person gegenüber selbstbewusster aufzutreten.
* Mehr Zeit mit etwas verbringen, was Sie gerne tun.
Um eine Depression zu bekämpfen, müssen wir auf verschiedene Aspekte unserer selbst
zurückgreifen: auf unser rationales Denken und unser mitfühlendes / freundliches Denken.
Um Alternativen zu entwickeln, müssen wir eine Angelegenheit, eine Annahme oder ein
Problem aus möglichst vielen unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten.
Während einer Depression denken wir anders als sonst. Negative Gedanken, Interpretationen und
Erinnerungen kommen uns viel schneller in den Sinn und beschäftigen uns länger. Unser Denken
unterliegt einer sogenannten Verzerrung ins Negative. Hierfür gibt es zwei mögliche Gründe.
Zum einen neigt unser Gehirn unter Stress oder bei emotionaler Erregung zu einem Denken unter
dem Motto " Vorsicht ist besser als Nachsicht ".
Wir suchen nach Gewissheit, nehmen das Schlimmste an und verlieren so unsere Flexibilität
im Denken.
Der zweite Grund liegt darin, dass negative Überzeugungen und Selbstbilder, die aus der
Kindheit stammen, von negativen Lebensereignissen aktiviert werden können.
Dabei kann es sich um das Ende einer Beziehung, um Beziehungsschwierigkeiten, die häufige
Konflikte nach sich ziehen, oder allgemein um größere Enttäuschungen handeln.
Selbsthass
Zu einigen Formen der Depression gehört im Extremfall nicht nur Selbstkritik
und Aggression gegen sich selbst, sondern auch Selbsthass. Dabei handelt es sich
nicht nur um ein Gefühl des Enttäuscht seins durch das eigene Selbst; vielmehr wird
das Selbst wie ein verhasster Feind behandelt. Während Selbstkritik oft aus der
Enttäuschung und dem Wunsch, es besser zu machen, erwächst, richtet sich der
Selbsthass nicht darauf, etwas besser zu machen. Es zielt auf den Wunsch ab,
zu zerstören und von etwas befreit zu werden.
Es anderen recht machen
Vielleicht fragen Sie sich, ob Sie sich zu sehr bemühen, es anderen recht zu machen,
um von ihnen anerkannt zu werden. Wenn ja, werden Sie letztlich vielleicht zu einer
untergeordneten Person und verlieren Ihr Identitätsgefühl. Zu den großen Nachteilen
einer übergroßen Abhängigkeit von der Bestätigung durch andere gehört, dass Sie
vielleicht etwas tun, was Sie eigentlich gar nicht tun wollen - und später deswegen
wütend werden. Wenn Sie also lernen, wie Sie mit dem Mangel an Bestätigung gelassener
umgehen können, haben Sie zusätzlich den großen Vorteil, unabhängiger zu werden.
Wenn wir zu sehr auf Bestätigung aus sind, werden wir leichter Marionetten und ordnen uns
den Bedürfnissen anderer unter. Wenn wir unser eigenes Identitätsgefühl verlieren, dann
heißt das, dass wir die Richtung unseres Lebens nicht mehr beeinflussen können.
Damit einher gehen häufig Verwirrung und ein Verlust an Selbstvertrauen.
Sich der Scham stellen
Unter allen Gefühlen, die unsere Bereitschaft schmälern können, uns helfen zu lassen,
mit anderen in Kontakt zu kommen und Mitgefühl für uns selbst zu empfinden,
ist Scham das wichtigste und zerstörerrischte.
Manche Menschen schämen sich dafür, dass sie depressiv sind und versuchen dann,
dies vor anderen zu verbergen. Wenn Sie Ihre Schamgefühle wahrhaben und an ihrer
Verminderung arbeiten können, haben Sie viel für Ihre Heilung getan.
Im allgemeinen hängt Scham - wie Verlegenheit, Stolz, Prestige, Status und
Integrität - damit zusammen wie andere uns unsere Meinung nach sehen und beurteilen.
Die Fähigkeit, Scham zu empfinden, ist universell, kann aber gelegentlich jedes
Maß verlieren. Zum Schamempfinden gehören zahlreiche Gefühle, darunter
Minderwertigkeitsgefühle, Befangenheit, Wut, Gehemmtheit und starke Furcht.
Die stärksten Schamgefühle entstehen häufig aus dem Erleben, dass man sowohl
" anders " als auch unterlegen / fehlerhaft oder schlecht ist.
Scham ist auf die Spitze getriebene Furcht vor dem Verlust der Bestätigung.
Wir können uns wegen unseres Körpers schämen, wegen unseres Wissens und Könnens
und in unseren Beziehungen. Ein weiterer Bereich befindet sich häufig bei einer
Depression: Scham wegen unserer Gefühle.
Menschen, die sexuell missbraucht worden sind, empfinden oft eine tiefgreifende
Körperscham. Sie halten ihren Körper häufig für schmutzig, verunreinigt und
beschädigt. In Extremfällen können sie ihren Körper sogar hassen.
Manchmal versuchen wir, unsere wahren Gefühle zu verbergen, weil wir Angst vor den Folgen
haben. Wir können uns dafür schämen, Angst zu empfinden, weinen zu müssen oder depressiv
zu sein. Wir können uns auch dafür schämen, zornig zu sein - als ob irgend etwas falsch,
mangelhaft oder nicht liebenswert an uns wäre, wenn wir solche Gefühle empfinden.
Wir können die Scham überwinden, wenn wir das, wofür wir uns schämen, nach und nach
akzeptieren, voller Mitgefühl damit umgehen und uns vor Augen halten, dass viele
depressive Denkstile aktiviert werden, wenn wir uns schämen.
( z.B. das Missachten des Positiven, Alles - oder Nichts Denken, Übermäßige
Verallgemeinerung, Selbst - Etikettierung und sogar Selbsthass )
Mit Wut umgehen / Wie wird Wut ausgelöst
Häufig entzündet Wut sich daran, dass etwas, was uns sehr wichtig ist, bedroht,
geschädigt oder behindert wird. Beispiele dafür sind Schäden oder Drohungen gegen:
* Unser Selbstgefühl ( Unversehrtheit des Körpers oder Selbstachtung )
* Unseren Besitz
* Unsere Pläne und Ziele
* Unseren Lebensstil
Erste Schritte
* Das Verhalten ändern
* Große Probleme so aufgliedern, dass sie kleiner werden
* Positive Aktivitäten planen
* Mehr unternehmen und sich ablenken
* Sich persönlichen Freiraum schaffen
* Die eigenen Grenzen kennen
* Mit Schlafstörungen umgehen
* Anders mit dem Körper umgehen
* Lernen Sie, sich zu entspannen
* Die eigenen Gedanken aufschreiben
* Fragen - Mögliche Antworten
* Negative Gedanken und Gefühle in Frage stellen
* Rationelles Denken - Mitfühlendes freundliches Denken
* Alternativen entwickeln
Häufig greifen wir uns selbst an, ohne dass wir das richtig merken.
Offenbar treiben unsere Gefühle und Bestimmungen uns in bestimmte Stile
des Denkens und der Selbstbeurteilung.
Um aus einer Depression herauszufinden, müssen wir uns vielleicht genau
betrachten und entscheiden, ob unsere Selbstkritik, unser Ärger und unser
Selbsthass berechtigt und nützlich sind - und was wir tun können, um sie
zu überwinden.
Es wird vielleicht schwer werden, uns auf unser inneres Bedürfnis nach
Heilung einzustellen. Ist uns das erst einmal gelungen, dann können wir
uns darauf konzentrieren, was wir tun müssen, um geheilt zu werden.
Der erste Schritt wird oft in einer Bestandsaufnahme unseres Verhältnisses
zu uns selbst stehen.
Quelle : Depressionen verstehen und bewältigen, VAP Verlag Göttingen
Die depressiven Persönlichkeiten
Vergiss dein Ich, dich selbst verliere nie ( Herder )
Wenden wir uns nun der zweiten Grundform der Angst zu, der Angst, ein eigenständiges
Ich zu werden, die zutiefst erlebt wird als das Herausfallen aus der Geborgenheit. Von
den Grundimpulsen her gesehen, handelt es sich dabei nach unserem Gleichnis um die
Menschen, die die "Revolution" also die Bewegung um ein größeres Zentrum, überwertig
leben und die "Eigendrehung" vermeiden wollen; wir bezeichneten damit die Seite der
Hingabe in weitestem Sinne. Der Wunsch nach vertrautem Nahkontakt, die Sehnsucht,
lieben zu können und geliebt zu werden, gehört zu unserem Wesen und ist eines der
Merkmale der Menschlichkeit überhaupt. Als Liebende haben wir den Wunsch, den
geliebten Menschen glücklich zu machen; wir fühlen uns in ihn ein, wir wollen seine
Wünsche erraten, denken mehr an ihn als an uns selbst, können uns selbst vergessen und
den beglückenden Austausch des Gebens und Nehmens erleben, der uns mit ihm zu einem
Wir zusammenschmilzt, das die Getrenntheit der Individuen aufhebt, wenigstens für
Augenblicke. Das Urbild solcher Liebe ist die Mutter-Kind-Beziehung, und vieleicht
sucht alle Liebe das wieder herzustellen, wieder zu finden, was wir in der frühesten
Kindheit erlebten; bedingungslos uns geliebt zu fühlen, einfach als die wir sind, und zu
erfahren, dass unser Dasein, das was wir zu geben haben, was wir sind, den anderen
ebenso beglückt. Wir bringen die Liebesfähigkeit als eine unserer Anlagen mit;
aber sie muss angesprochen geweckt werden, um sich entfalten zu können. So gibt uns
die empfangene Liebe sowohl das Gefühl unseres eigenen Wertes, als sie auch unsere
Liebesbereitschaft ermöglicht, die Empfangenes zurückgeben möchte. Wir wollen uns
nun wieder überlegen, wie es aussehen wird, wenn ein Mensch, die Ich-Werdung
vermeidend, überwiegend die Ich-Aufgabe und Hingabe zu leben versucht.
Die erste Folge wird sein, dass dadurch das Du, der jeweilige Partner, einen Überwert
bekommt. Liebendes Sich-hingeben-wollen bedarf eines Partners, ist gebunden an das
Da-sein eines anderen Menschen und ohne ihn nicht möglich. Damit ist bereits eine
Abhängigkeit gesetzt, und hier liegt das zentrale Problem der Menschen, die wir als die
depressiven bezeichnen wollen: Sie sind mehr als andere auf einen Partner angewiesen.
Sei es durch ihre Liebesfähigkeit und Liebesbereitschaft, sei es durch ihr Bedürfnis
nach Geliebt werden-zwei Seiten, die sich mit Erich Fromms Worten aus seinem Buch
"Die Kunst des Liebens" in die beiden Sätze zusammenfassen lassen: "Ich brauche dich,
weil ich dich liebe" und "Ich liebe dich, weil ich dich brauche". Einmal braucht man also
jemanden, um ihn zu lieben, um seine Liebesfähigkeit anwenden zu können: oder man braucht
den anderen, weil man von ihm geliebt werden will und Bedürfnisse hat, die man aus sich
selbst heraus nicht glaubt erfüllen zu können. Wenn nun ein Mensch einen anderen so
dringend braucht, wird er danach streben, die trennende Distanz zwischen sich und ihm
soweit wie möglich aufzuheben. Ihn quält die trennende Kluft zwischen Ich und Du - die
Distanz also, die der schizoide Mensch gerade so unbedingt brauchte und aufrecht zu
erhalten bemüht war zum Selbstschutz. Im Gegensatz dazu will der Depressive dem Du so
nahe wie möglich sein und bleiben. Je weniger er an "Eigendrehung" entwickelt hat, um so
mehr erlebt er jede Distanz, jede Entfernung und Trennung von einem Partner mit Angst,
und wird versuchen, es nicht dazu kommen zu lassen. Für ihn bedeutet Ferne:
Alleingelassenwerden, Verlassenwerden, und das kann ihn in tiefe Depression bis zur
Verzweiflung führen. Was kann man aber tun, um nicht der quälenden Trennungs- und
Verlustangst ausgesetzt zu sein? Die einzige Hilfe wäre, so viel an Eigenständigkeit und
Unabhängigkeit zu entwickeln, dass man nicht so restlos auf einen Partner angewiesen ist.
Aber gerade das fällt dem Depressiven schwer, denn dafür müsste er ja die enge Bindung an
dem anderen lockern, und das würde sofort wieder die Verlustangst auslösen. So sucht er
nach anderen Sicherheiten, die sein Problem lösen sollen, aber, wie wir sehen werden,
es nur verschlimmern.
Abhängigkeit scheint ihm solche Sicherheit zu geben; entweder indem er sich von einem
anderen, oder diesen von sich abhängig zu machen sucht. Wer von jemanden abhängig ist,
braucht ihn, und Gebrauchtwerden verspricht daher scheinbar eine gewisse Garantie, die
Garantie, nicht verlassen zu werden. Die eine Möglichkeit scheint also zu sein, einen
Menschen fest an sich zu binden, indem man möglichst kindlich-hilflos und abhängig von ihm
bleibt, um damit zu demonstrieren, dass man nicht verlassen werden darf - wer könnte so
hart und lieblos sein, ein hilfloses Wesen zu verlassen? Die andere Möglichkeit scheint darin
zu liegen, den anderen von sich abhängig zu machen, indem man ihn gleichsam zum Kinde
macht; sie ist das Gegenbild des vorbeschriebenen Bildes, mit umgekehrten Vorzeichen -
die Motivation ist die gleiche; eine Abhängigkeit herzustellen. Bei den depressiven
Persönlichkeiten ist die Verlustangst die dominierende, in ihren verschiedenen Ausformungen
als Angst vor isolierender Distanz, vor Trennung, Ungeborgenheit und Einsamkeit, vor dem
Verlassenwerden. Sie suchen die größtmögliche Nähe und Bindung, wo der vorgeschriebene
schizoide Gegentypus die größtmögliche Distanz und Ungebundenheit suchte, um sich vor
seiner Angst zu schützen. Bedeutet dem Depressiven Nähe: Sicherheit und Geborgenheit, so
dem Schizoiden: Bedrohung und Einschränkung seiner Autarkie; bedeutet dem Schizoiden
Distanz, Sicherheit und Unabhängigkeit, so dem Depressiven Bedrohung und
Alleingelassenwerden. Wenn der Depressive erkennt, dass schon das Ich-Werden, die
Individuation, unvermeidlich ein trennendes Alleinsein bedeutet verzichtet er entweder bei
sich darauf, oder er gesteht es dem Partner nicht zu. In der Sprache unseres Geheimnisses:
Der Depressive versucht seiner Angst dadurch zu entgehen, dass er die Eigendrehung aufgibt
oder sie dem anderen nicht zugesteht. Er ist der Trabant eines anderen, oder er macht diesen zu
seinem Trabanten. So lebt er ein gleichsam mondhaftes, echohaftes, nur zurückspiegelndes
Leben, oder er drängt es dem anderen auf. Bewusst ist ihm dabei höchstens die Verlustangst;
die Angst vor dem Individuation, die das eigentliche Problem ist, bleibt weitgehend unbewusst.
Seine Angst, dass die eigene oder die Selbstständigkeit des Partners zu einem sich voneinander
Wegentwickeln und damit zu einem möglichen Verlust führen könne, enthält den richtigen Kern,
dass jede Individuation und Eigenständigkeit uns ein Stück isoliert. Je mehr wir wir selbst
werden, um so mehr unterscheiden wir uns von anderen, um so weniger Gemeinsames haben
wir mit ihnen. Individuation bedeutet immer auch, aus der Geborgenheit des Auch-wie-andere-
Seins herausfallen, und ist daher mit Angst verbunden; der Herdentrieb will diese Angst
aufheben, wie auch das Eintauchen in eine Masse die Angst vor der Individuation aufhebt.
Der depressive Mensch ist dieser Angst besonders ausgesetzt. Bei ihm kann schon ein sich
von anderen Unterscheiden, ein anderes Denken oder Fühlen die Verlustangst konstellieren,
weil er es als Entfernung und Entfremdung erlebt. Deshalb versucht er alles ihn vom anderen
Unterscheidende aufzugeben. Machen wir uns das noch etwas deutlicher. Je weniger wir
gelernt haben, unser Eigen-Sein, unsere Selbstständigkeit zu entwickeln, um so mehr brauchen
wir andere. So stellt sich die Verlustangst heraus als die Kehrseite der Ich-Schwäche.
Daher muss der Versuch, sich gegen die Verlustangst dadurch zu sichern, dass man immer
mehr von sich aufgibt, scheitern, ja das Gegenteil bewirken. Denn wer sein Ich nicht stark
entwickelt, braucht ein stärkeres Ich draußen als Halt, von dem er immer abhängiger wird,
je schwächer er selbst bleibt. Wer aber so abhängig wird, muss eine immer währende Angst
haben, diesen Halt zu verlieren - hat er doch alles auf den anderen gesetzt, an ihn so viel
delegiert, dass er ohne ihn nicht lebensfähig zu sein glaubt, weil seine Existenz ganz im anderen
ruht. Depressive Menschen suchen daher die Abhängigkeit, die ihnen Sicherheit zu geben
verspricht; mit der Abhängigkeit steigert sich aber die Verlustangst; daher wollen sie so dicht
wie möglich am anderen haften, reagieren deshalb schon bei kurzen Trennungen mit Panik.
So kommt es zu dem hier typischen Teufelskreis, der nur im Wagnis der Ich-Werdung, des
autonomen Subjekt-Seins durchbrochen werden kann. Wenn der schizoide Mensch sich vor
vertrauender Nähe unter anderem dadurch schützte, dass er an der Meinung festhielt, die
Menschen seien gefährlich und nicht vertrauenswürdig, um damit seiner Angst vor der
Hingabe auszuweichen, neigt der Depressive auch hierin zum Gegenteil: Er idealisiert die
Menschen eher, vor allem die ihm nahestehenden, verharmlost sie, entschuldigt ihre Schwächen
oder übersieht ihre dunklen Seiten. Er will nichts Erschreckendes oder Beunruhigendes an
ihnen wahrnehmen, weil das seine vertrauensvolle Beziehung gefährden würde. Dadurch
entwickelt er zu wenig Phantasie für das Böse im Menschen - im anderen und in sich selbst;
denn um so restlos vertrauen und uneingeschränkt lieben zu können, muss er Zweifel und
Kritik unterdrücken, lässt er sie gar nicht bewusst werden; er geht Spannungen aus dem
Weg, vermeidet Auseinandersetzungen "um des lieben Friedens willen" und weil sie ihm
vom Partner zu entfremden drohen. Er idealisiert den Partner und sieht überhaupt die
Menschen also zu gut, was neben naheliegenden Gefahren des Ausgenutzwerdens, eine bei
ihm häufig zu findende, lang anhaltende Naivität und Kindlichkeit mit sich bringt. So betreibt
er Vogel-Strauß-Politik und versteckt seinen Kopf vor den Abgründen des Lebens im Sand,
indem er an dem Glauben festhält, dass der Mensch gut sei. Für die erstrebte Harmonie
und ungetrübte Nähe muss der Depressive nun seinerseits gut sein, und befleißigt sich daher aller
altruistischen Tugenden: Bescheidenheit, Verzichtbereitschaft, Friedfertigkeit, Selbstlosigkeit,
Mitgefühl und Mitleid, um nur die wichtigsten zu nennen. Sie können bei ihm alle Grade
annehmen: Überwertige Bescheidenheit, die für sich selbst nichts fordert; Überanpassung und
Unterordnung bis zur Selbstaufgabe, im Extrem bis zu masochistisch-hörigen Verhaltensweisen.
All das lässt sich auf einen Nenner bringen: durch das Aufgeben eigener Wünsche, durch den
Verzicht auf das Eigen-Sein, die Verlustangst, die Angst vor der Einsamkeit zu bannen, und
sich der deshalb gefürchteten Individuation zu entziehen. Hierbei kann es zu einer gefährlichen
Selbsttäuschung kommen: Indem er aus diesen Verhaltensweisen eine Ideologie macht, verbirgt
er nicht nur deren Motivierung aus der Verlustangst vor sich selbst, sondern er kann sich auch
noch moralisch überlegen vorkommen gegenüber denen, die weniger bescheiden, friedfertig
usf. sind. So macht er recht eigentlich aus der Not eine Tugend und meint, etwas hinzugeben
und zu opfern, was er noch gar nicht entwickelt hat und besitzt: sein Ich.
Dieses Ausweichen vor der Individuation wird aber teuer bezahlt. Damit, dass er alles, was
an Wünschen, Impulsen, Affekten und Trieben in ihm ist, nicht zu leben wagt. Er glaubt sie
sich aus Angst oder aus seiner Ideologie heraus nicht - er kann doch nicht auf einmal selbst
das tun, was er an anderen verurteilt hat. Dadurch ist er aber immer mehr darauf
angewiesen, dass ihm seine Wünsche und Erwartungen, die er natürlich weiter hat, von
anderen erfüllt werden. Wer nicht nehmen kann, hofft, zu bekommen - vieleicht sogar als
Belohnung für seine Bescheidenheit; und wenn nicht hinieden, dann wenigstens im Himmel,
wie es die christliche Ideologie verspricht. Daraus entstehen die passiven Erwartungshaltungen
Depressiver, die sich indessen nicht vor Enttäuschungen und daraus folgenden Depressionen
schützen, weil das Leben diese Erwartungen nicht erfüllt. Verzichten sie anderseits auch noch
auf diese Belohnungserwartung, käme die Depression erst richtig zum Durchbruch.
Depressive Menschen kommen im Leben gleichsam immer wieder in die Lage des Tantalus:
Sie sehen die Früchte und das Wasser vor sich, die sich aber ihnen entziehen, weil sie nicht
zugreifen gelernt haben, oder es sich nicht erlauben. Sie können nicht fordern, sich etwas
nehmen; sie können nicht gesund aggressiv sein, und das wirkt sich zusätzlich so aus, dass
sie ein geringes Selbstwertgefühl entwickeln, das nun seinerseits wieder ihren Mut zum
Fordern und Zupacken schwächt. Einige Beispiele für depressives Verhalten:
Eine verheiratete junge Frau sagt: "Mein Mann geht jetzt öfter mit jungen Mädchen aus;
ich kenne es auch, es ist sehr attraktiv und mein Mann ist leicht verführbar. Ich sitze dann
zuhause und heule; aber das soll er nicht merken. Wenn ich ihm Vorwürfe mache, hielte er
mich für kleinbürgerlich eifersüchtig, und ich habe Angst, ihm dadurch auf die Nerven zu fallen
und ihn erst recht von mir fortzutreiben. Er sagt, Männer seien nun einmal so, und wenn ich
ihn wirklich liebte, würde ich es ihm zugestehen." Sie ist offensichtlich unsicher, was sie
ihrem Mann zugestehen muss, um seine Vorstellung moderner Partnerschaft nicht zu
enttäuschen, die sie selbst nicht teilt. Sie ist unsicher darüber, dass sie hinnehmen muss,
oder wo sie sich gegen etwas ihrem Wesen Fremdes wehren könnte; da sie zugleich ein
geringes Selbstwertgefühl hat, überschätzt sie jede Rivalin. Anstatt ihre Meinung zu
vertreten, und sich zu ihrer Toleranzgrenze zu bekennen, anstatt vieleicht ihrerseits den
Mann eifersüchtig zu machen, der ihrer viel zu sicher zu sein glaubt, hat sie zuviel Angst
ihn zu verlieren. Sie überfordert sich, um nicht kleinbürgerlich zu wirken, meint, sich immer
mehr anpassen zu müssen an seine Wünsche, was er nun wieder ausnützt. Als sie spürte, dass
er ihr immer mehr zu entgleiten drohte, glaubte sie durch noch mehr Bereitschaft zum
Verständnis ihn halten zu können. Sie war völlig ratlos, als sie erkennen musste, dass er sie
daraufhin nur verachtete.
Da sie sich selbst nicht ernst nahm, wurde sie auch von ihm nicht ernst genommen.
Heute findet man häufig ähnliche Situationen; eine allgemeine Unsicherheit über Freiheit und
Bindung, über Treue und sexuelles Sich ausleben, die durch manche Propaganda noch
unterstützt wird, lässt viele, vor allem depressive Menschen, sich überfordern und Dinge tun,
die sie eigentlich gar nicht wollen, aus der Angst "nicht modern" zu sein und den Trend der
Zeit nicht begriffen zu haben.
Diese junge Frau stand auch sonst im Leben unter vielen altruistischen Forderungen, die sie
an sich stellte: Zu Weihnachten hatte sie alljährlich eine Liste von annähernd 100 Personen,
an die sie schreiben oder denen sie ein Geschenk machen musste, so dass sie schon Wochen
vor dem Fest in Zeitängste und Depressionen geriet, wie sie das alles schaffen sollte neben den
üblichen Aufgaben des Alltags. Sie kam aber nie auf den Gedanken, dass sie das ändern könnte,
und bekam schon Schuldgefühle, wenn sie manchmal Unlust darüber empfand, die vielen Solls
erfüllen zu müssen. In die Richtung des Pechvogels, den wir unter Depressiven häufiger finden,
geht folgendes Beispiel:
"Ich kann mir noch soviel Mühe geben, es geht doch immer wieder alles schief bei mir.
Gestern war ich beim Friseur, er hat mir die Frisur völlig verpatzt, völlig verschnitten.
Dann hat mich ein bestellter Handwerker sitzengelassen-so was passiert auch nur mir. Zum
Trost wollte ich mir eine Bluse kaufen; zuhause gefiel sie mir nicht mehr - ich hatte eigentlich
ganz was anderes gewollt." Hier lässt sich gut erkennen, wie solche Menschen ihre Wünsche
nicht klar genug ausdrücken, oder dass sie überhaupt unklare, unbestimmte Wünsche haben.
Dadurch werden sie immer wieder enttäuscht und lasten es irgendwelchen äußeren Umständen,
oder eben ihrem Pech an. Weder hatte sie dem Friseur eindeutig gesagt, wie sie ihr Haar haben
wollte, noch hatte sie beim Blusenkauf eine bestimmte Vorstellung davon, was sie wirklich
wollte - sie wollte sich nur zum Ausgleich für die Enttäuschungen etwas Gutes tun. Sie hatte
Mitleid mit sich selbst und das Gefühl immer Pech zu haben, vom Leben benachteiligt zu
werden; sie realisierte aber nicht, dass die Unbestimmtheit ihrer Wünsche und das nicht
gekonnte Fordern das eigentliche Problem war. Die Erfahrung mit dem Handwerker, die ja
heute an der Tagesordnung ist, legte sie sich auch tendenziös so aus, dass sie sich bedauern
und für einen Pechvogel halten konnte, und verschleierte sich damit die Möglichkeit, ihren
eigenen Anteil an dem Geschehen zu erkennen. In dem "so etwas kann auch nur mir
passieren" verschob sie die Ursache von sich weg auf die "böse Welt", und konnte damit
ihre Gehemmtheit und Angst als Schuld des Schicksals sehen, was sie zum Pechvogel
verdammte. Sie bezog aus diesem Selbstmitleid eine gewisse Befriedigung und brauchte sich
nicht zu ändern. Die Konflikte Depressiver drücken sich körperlich bevorzugt in Störungen
des Aufnahmetraktes aus, der ja symbolisch-repräsentativ für alles sich Nehmen, sich
Einverleiben, Zugreifen und Fordern steht. Es kommt bei ihnen in Konfliktsituation
psychosomatisch leicht zu Affektionen des Schlundes, der Rachenmandeln, der Speiseröhre
und des Magens. Auch Fettsucht und Magersucht können psychodynamisch mit solchen
Konflikten zusammenhängen. Der Volksmund spricht treffend von Kummerspeck und
bezeichnet damit die Erfahrung, dass wir nach Enttäuschungen oder Verlusten uns gern
durch Essen und Trinken entschädigen. Von hier führt oft eine schmale Grenze zu Süchten
aller Art, die als Ersatzbefriedung oder als Weltflucht zu verstehen sind. Die Schwierigkeit,
sich etwas anzueignen, von etwas Besitz zu ergreifen, kann sich bei Depressiven auch in,
wie sie es zu nennen pflegen, "Gedächtnisschwäche" äußern. Sie können sich schwer etwas
merken, vergessen schnell, und meinen, das sei ein organisches Symptom. Bei genauerem
Hinsehen stellt sich indes meist heraus, dass sie Eindrücke gar nicht voll apperzipieren, sie
nicht wirklich mit Interesse und Aufmerksamkeit aufnehmen, weil sie Angst haben, starke
Reize zuzulassen; denn das brächte sie in den Konflikt, intensiv etwas zu wollen und es sich
doch nicht nehmen zu können: so schalten sie vor viele Reize gleichsam ein Filter und
resignieren zu früh. Das kann auch zu Lernschwierigkeiten oder zu einer allgemeinen
Müdigkeit und Teilnahmslosigkeit führen, die die gleiche Funktion eines Schutzfilters haben
und nun rückwirkend die Depressionen verstärken, weil man so immer wieder versagt und
von sich enttäuscht wird. Solche scheinbare Gedächtnisschwäche Depressiver ist also häufig
nur ein Anzeichen für ihre Resignation, für ihre tiefe Überzeugung, dass es ihnen doch nicht
glücken würde, von etwas Besitz zu ergreifen. Sie verzichten dann lieber im voraus - dann
können sie höchstens noch angenehm enttäuscht werden. So betreiben sie eine Saure -
Trauben-Politik, indem sie das, was sie eigentlich möchten, aber nicht glauben sich nehmen
zu können oder zu dürfen, vor sich abwerten, als nicht erstrebenswert hinstellen. Damit
ersparen sie sich zwar die Enttäuschung, etwas haben zu wollen und doch nicht zu bekommen-
aber zugleich wird die Welt für sie immer farbloser, grauer und reizloser, denn ohne eigene
Wünsche an das Leben wird es zunehmend leerer und langweiliger. So sitzen sie gleichsam
an der vollgedeckten Tafel des Lebens und trauen sich nicht, zuzulangen, müssen dann aber
voller Neid sehen, dass andere frisch zugreifen und es sich schmecken lassen - und sich dabei
auch noch wohlfühlen. Immer wieder kommt der Depressive an die Grenze seiner
Anpassungsfähigkeit und Verzichtsbereitschaft.
Im Erkennen, dass er vor dem Subjektsein nicht ausweichen kann, will er nicht zugrunde gehen
an einer dauernden Überforderung durch seine Tugenden, oder aber einen fressenden Neid
empfinden denen gegenüber, die sich ohne Schuldgefühl und Angst vom Leben das nehmen, was
sie bekommen können, kann der Gesundungsansatz liegen.
Der depressive Mensch und die Liebe
Liebe, Liebenwollen und Geliebtwerdenwollen ist dem depressiven Menschen das Wichtigste im Leben.
Hier kann er seine besten Seiten entwickeln, hier liegen zugleich seine größten Gefährdungen. Nach
dem bisher geschilderten ist es verständlich, dass es bei ihm vor allem in seinen partnerschaftlichen
Beziehungen zu Krisen kommen kann. Spannungen, Auseinandersetzungen, Konflikte in diesen sind
ihm quälend, ja unerträglich, und sie belasten ihn meist mehr als nötig, weil sie seine Verlustangst
aktivieren. Für ihn unverständlich, führen oft gerade seine Bemühungen um den Partner zu Krisen,
weil dieser sich aus der zu engen Umklammerung zu befreien versucht. Der Depressive reagiert dann
mit Panik, mit tiefen Depressionen, und in seiner Angst greift er manchmal zu erpresserischen Mitteln
bis zum angedrohten, auch versuchten Selbstmord. Er kann sich schwer vorstellen, dass der Partner
nicht das gleiche Bedürfnis nach Nähe hat wie er selbst, der gar nicht genug davon bekommen kann.
Das Bedürfnis nach Distanz beim Partner erlebt er daher schon als mangelnde Zuneigung oder als
Anzeichen, dass der ihn nicht mehr liebt. Die Fähigkeit zur einfühlenden Identifikation, dazu also, einen
anderen Menschen in liebender Zuneigung in seinem Wesen zu erfassen, und in transzendierter
Teilhabe ihn mitzuerleben, ist für depressive Menschen besonders charakteristisch, und eine ihrer
schönsten Eigenschaften. Echt gelebt ist sie ein wesentliches Element alles Liebens, ja aller
Menschlichkeit. Ihre Identifikationsbereitschaft kann sich bis zu einer medialer Einfühlung steigern,
in der dann tatsächlich die trennende Grenze zwischen Ich und Du aufgehoben ist - Ursehnsucht aller
Liebenden, und Sehnsucht der Mystiker, in grenzauflösender Transzendenz eins zu werden mit dem
Göttlichen oder der Schöpfung, worin sie vieleicht unbewusst die grenzenlose Beziehung zur Mutter
in der frühen Kindheit auf höherer Ebene wiederzufinden hoffen. Wir werden noch sehen, dass
für die Entwicklung unserer Liebesfähigkeit unsere frühe Muttererfahrung von entscheidender
Bedeutung ist. Im gesunden Menschen mit depressiven Einschlägen liegt eine große Liebesfähigkeit,
Hingabe und Opferbereitschaft, die Fähigkeit auch Schweres mit dem Partner durchzutragen; er kann
Geborgenheit geben, Gefühlsinnigkeit und Unbedingtheit der Zuwendung. Beim tiefer gestörten
Depressiven überwiegt in der Liebesbeziehung die Verlustangst; bei ihm kommt es dadurch zu den
schwierigeren, den eigentlich depressiven Partnerbeziehungen. Die beiden häufigsten Formen sehen
etwa folgendermaßen aus: Man versucht, gleichsam nur noch durch den Partner zu leben, in völliger
Identifikation mit ihm. Das ermöglicht tatsächlich die größte Nähe. Man ist gleichsam der Andere
geworden, hat aufgehört, ein von ihm getrenntes Eigenwesen zu sein, ein Eigenleben zu haben. Man
denkt und fühlt wie er, man errät seine Wünsche, liest sie ihm von den Augen ab; man weiß, was er
ablehnt und was ihn stört, und räumt es ihm aus dem Weg; man übernimmt seine Ansichten und teilt
seine Meinungen - kurz, man lebt, als ob schon ein Andersdenken, eine andere Meinung, ein anderer
Geschmack, überhaupt ein Sich-von-ihm-Unterscheiden und Man-selbst-Sein gefährlich wäre und die
Verlustangst heraufbeschwören würde. So geht man ganz im Partner auf und lebt im Bewusstsein
aufopfernder Liebe und Selbstlosigkeit. Die Echtheit oder Unechtheit solcher Liebe unterscheidet sich
darin, ob man vor der Eigendrehung und der zu ihr gehörenden Verlustangst ausweichen will, oder ob
man trotz des Bewusstseins der Gefährlichkeit alles Liebens, sich selbst und den anderen für die
Eigenentwicklung freigeben kann und ihn trotzdem zu lieben wagt. Hier wird das "wo du hingehst, da
will ich auch hingehen" gleichsam verabsolviert. Für den Partner ist zwar eine solche Beziehung in
vieler Hinsicht recht bequem; wer aber mehr von einer Partnerschaft erwartet, als im anderen ein Echo
von sich selbst zu finden oder einen immer dienstbaren Geist, wird darin enttäuscht werden. In
ähnlicher Richtung liegt es, wenn man aus Verlustangst sich selbst soweit aufgibt, dass man praktisch
wieder zum Kind wird. Man delegiert dann alles an den Partner, was man eigentlich selbst tun könnte
und sollte, wird damit immer abhängiger von ihm und hilfloser ohne ihn, aus der Vorstellung heraus,
der andere könnte meinen, man brauche ihn nicht mehr, wenn man selbstständiger würde, ja man
glaubt, ihn durch die eigene Hilfsbedürftigkeit am sichersten halten zu können. Hier wiederholt man
unbewusst deutlich eine Vater- oder Mutter-Kind- Beziehung in der Partnerschaft - es sind gar nicht
wenig Ehen, die so aussehen; ähnlich liegen die Dinge auch bei Menschen, die verwitwet, möglichst
sofort wieder heiraten, obwohl sie den verstorbenen Partner auf ihre Weise geliebt haben: Sie haben
zu wenig Eigenleben und können sich auf jeden neuen Partner einstellen und sich anpassen - Hauptsache
sie bleiben nicht allein. Was auf diesen Wegen angestrebt wird gleicht einer Symbiose, einer Aufhebung
der trennenden Grenze zwischen Ich und Du. Man erstrebt eine Verschmelzung, in der sich Ich und Du
nicht mehr unterscheiden und wo, wie einmal ein Depressiver sagte "man nicht mehr weiß, wo man
selbst aufhört und der andere anfängt." Am liebsten würde man sich ganz im anderen auflösen oder ihn
"vor Liebe auffressen", so dass man unverlierbar im anderen enthalten wäre oder ihn unverlierbar in sich
trüge. In beiden Fällen liegt das Problem darin, dass man selbst vor der Individuation ausweicht oder sie
dem anderen nicht zugesteht. Häufig findet man in der Partnerbeziehung auch die Form des "wenn ich
dich liebe, was geht´s dich an." Das ist ein großartiger Versuch, die Verlustangst zu vermeiden: Der
Partner kann sich verhalten wie er will - man liebt letztlich sein Gefühl zu ihm mehr als ihn selbst, und
ist damit nur noch von sich selbst und seiner Liebesbereitschaft abhängig; so kann man Ewigkeit und
Unverlierbarkeit erreichen.
Schwieriger ist die andere Form depressiver Partnerbeziehungen, die erpresserische Liebe. Sie kleidet
sich gern in Überbesorgtheit, hinter der sich Herrschsucht, die hier auch aus der Verlustangst stammt,
verbirgt. Erreicht man damit nicht, was man erreichen möchte, greift man zu stärkeren Mitteln, zu
Selbstmorddrohungen und vor allem zum Erwecken von Schuldgefühlen im Partner; wenn auch das
nicht ausreicht, verfällt man in tiefe Depressionen und Verzweifelung. Formulierungen wie "wenn du
mich nicht mehr liebst, will ich nicht mehr leben", bürden dem Partner die Verantwortung auf, dass von
seinem Verhalten das Leben des abhängt. Ist er zu weich und neigt er zu Schuldgefühlen, durchschaut
er die Situation nicht, können sich Tragödien abspielen, die ausweglos werden, wenn die gegenseitige
Verstrickung schon zu tief ist. Dann ergibt es jene Beziehungen, die vom Partner nur noch aus Angst,
Mitleid und Schuldgefühlen gehalten werden; in denen Hass und Todeswünsche unter der Oberfläche
schwehlen. Auch Krankheit kann als erpresserische Waffe gebraucht werden und zu ähnlichen
Tragödien führen. Wir können wieder sehen, dass auch die Ängste und Konflikte depressiver Menschen
etwas allgemein gültiges haben: Je tiefer wir lieben, um so mehr haben wir zu verlieren, und bei der
Gefährdetheit menschlichen Lebens suchen wir alle nach einem Stück Geborgenheit, die wir am tiefsten
in der Liebe zu finden hoffen. Wir haben aber auch gesehen, dass das Ausweichen vor der Individuation
keine Sicherheit vor der Verlustangst gibt.
Im Gegenteil; weil wir damit vor etwas uns Aufgegebenem ausweichen, konstellieren wir gerade das,
was wir vermeiden wollten. Zum Partner-Sein gehört eine schöpferische Distanz, die es beiden Partnern
ermöglicht, sie selbst zu sein, sich zu sich selbst zu entwickeln. Wirkliche Partnerschaft ist nur möglich,
zwischen zwei eigenständigen Individuen, nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis des einen vom anderen,
wobei der eine zum Objekt gemacht würde. Wer sich nicht traut, ein eigenständiger Partner zu sein, dem
droht gerade dadurch die Gefahr des Verlustes; denn durch die Abhängigkeit und die geringe
Selbstachtung gerät er in die Gefahr, die Achtung des anderen zu verlieren und fordert damit heraus,
nicht "für voll" genommen zu werden. Wer anderseits den Partner zum unmündigen Kinde zu machen
versucht, muss damit rechnen, dass dieser sich irgendwann befreien und seinerseits ernst genommen
werden will, oder dass er seine Toleranzgrenze überschreitet und Liebe sich in Hass verwandelt. Es sei
denn, man lebt eine Neurose zu zweien, die aber ein stagnierendes Verhältnis ist, ohne Weiterentwicklung,
meist eine fast wörtliche Wiederholung einer Kindheitsbeziehung.
Die Sexualität ist depressiven Menschen weniger wichtig als Liebe, Zuneigung und Zärtlichkeit.
Bekommen sie diese, können sie sich auch im Körperlichen beglückend schenken, sind auch hier
einfühlend und haben die Einstellung, dass Liebe keine Grenzen verträgt hinsichtlich dessen, was erlaubt
oder unerlaubt ist. In Fällen großer Abhängigkeit finden sich hier alle möglichen Formen des
Masochismus bis zur Hörigkeit, wohinter nicht selten die Vorstellung steht, es sei die einzige
Möglichkeit, den Partner zu halten, indem man sich völlig seinem Willen ausliefert. Wieviel Freiheit oder
Bindung der einzelne braucht, erträgt oder nicht erträgt, ist nie durch allgemeine Regeln zu regeln;
hier muss jeder die ihm gemäße Lösung finden. Die Menschen selbst, ihre Anlagen, ihre
Lebensgeschichte und ihre soziale Situation sind zu verschieden, als dass man alle gültige Forderungen
für die Partnerschaft aufstellen, davon abweichende als falsch oder schlecht verurteilen könnte.
Wir müssen wohl soviel menschliches Verständnis füreinander aufbringen, dass wir auch uns ferner
liegende Liebesformen respektieren; sonst verurteilen wir zu leicht gerade die, die an sich schon
Mangelerlebnisse in ihrer Kindheit erlebten, daher schwer zu einer reifen Liebe finden konnten
und nun noch dafür bestraft werden.
Quelle: www.fh-zwickau.de/
Der innere Tyrann, und wie ihm beizukommen ist
Selbstbild und Selbstgefühl werden während einer Depression in der Regel sehr negativ.
Manchmal können auch Konflikte oder Trennung in Familien oder anderen wichtigen
Beziehungen eine Depression auslösen. Der Depressive fühlt sich dann vieleicht in dieser
Beziehung gefangen oder niedergeschlagen, denkt aber nicht, dass er die Schuld daran trägt.
Manchmal fühlen Depressive sich schlecht, weil sie depressiv sind und wegen der
Auswirkungen ihrer Depression auf sich selbst und ihre Umgebung, glauben aber nicht,
dass sie als Mensch schlecht oder unzulänglich sind; sie machen ihre Depression dafür
verantwortlich.
Depressive haben ein sehr schlechtes Verhältnis zu sich selbst, und mit Sicherheit trägt eine
Depression nicht dazu bei, ihr Selbstwertgefühl zu verbessern. Ein schlechtes Verhältnis
zu sich selbst kann einer Depression vorausgehen oder sich in ihrem Verlauf entwickeln.
Im Zustand der Depression nimmt man manchmal für alles die Verantwortung auf sich.
Wir können lernen, andere mögliche Erklärungen zu suchen, statt uns einfach nur selbst
Vorwürfe zu machen. Während einer Depression kann die Selbstkritik jedoch ausufern.
Der innere Tyrann/Kritiker wird so stark, dass wir uns von ihm völlig erschlagen fühlen.
Wenn wir dann enttäuscht sind oder merken, dass wir in gewisser Weise unseren Idealen
nicht gerecht werden, werden wir zornig und frustriert und reiten heftige Attacken gegen
uns selbst.
Der neueren Forschung zufolge tritt eine Depression mit höherer Wahrscheinlichkeit auf,
wenn der oder die Betreffende sich schwach, böse und hoffnungslos fühlt, als wenn nur
selbstkritische Gedanken aktiviert werden. Wenn etwas schlimmes geschieht, haben
manche Depressive den Eindruck, dass das ihre Strafe dafür ist, irgendwie schlecht zu sein.
Es ist, als ob wir glauben, dass gute Dinge nur geschehen, wenn wir gut sind, und schlechte
nur, wenn wir schlecht sind, so dass wir wohl böse oder schlecht sein müssen, wenn etwas
Schlechtes geschehen ist. Um mit diesen Gefühlen fertig zuwerden, müssen wir uns in der
Regel die Dinge eingestehen, derentwegen wir uns schuldig fühlen, und dann lernen, wie wir
sie uns verzeihen können. Es kann schwierig sein einzusehen, dass die Prinzipien von
Gerechtigkeit und Strafe menschengemacht sind.
Wir alle neigen zur Selbstkritik. Wenn wir böse, frustriert und aggressiv auf uns selbst
reagieren und anfangen, uns selbst zu tyrannisieren und uns wertlos, schlecht oder schwach
nennen, geraten wir mit großer Wahrscheinlichkeit tiefer in unsere Depression hinein.
In gewisser Weise werden wir zu unseren eigenen Feinden;
wir verlieren die Fähigkeit, mit uns selbst mitzufühlen.
Quelle: Buch "Depressionen verstehen und bewältigen"; Hogrefe Verlag
Agonie durch Ecstasy - Das neurotoxische Profil einer Designerdroge
Der Konsum von Partydrogen allen voran Ecstasy, ist in Deutschland weit verbreitet und
mittlerweile zu einem gesundheitspolitischen Problem geworden. Das Ausmaß der wahrscheinlich
persistierenden kognitiven und psychischen Störungen von Ecstasy ist erheblich größer als lange
Zeit angenommen. In den letzten Jahren hat sich der Konsum illegaler Drogen allerdings verändert.
Es sind nicht mehr die klassischen Drogen Heroin, Kokain und Phencyclidin, die das Geschehen
auf dem Drogenmarkt bestimmen. Besonders beliebt - weil angeblich harmlos - ist Ecstasy.
Das Durchschnittsalter beim Erstkonsum von Ecstasy liegt bei 17,4 Jahren.
MDMA - Der psychoaktive Wirkstoff von Ecstasy
Der Wirkstoff von Ecstasy ist das 3,4-Methylen-Dioxi-Methamphetamin ( MDMA ), ein
Amphetaminderivat. Durch die strukturelle Veränderung im Vergleich zum Amphetaminmolekül
löst die Substanz zusätzlich zu den stimulierenden Effekten auch halluzinogene Wirkungen aus.
Ecstasy wird ausschließlich oral konsumiert; die Einzeldosis beträgt ca. 50 bis 150 mg.
Die heute vollsynthetisch hergestellte Droge ist bereits seit über 170 Jahren bekannt. 1912 ließ
ein deutsches Pharmaunternehmen die synthetische Herstellung von MDMA patentieren.
Geplant war der Verkauf als Appetitzügler.
Entscheidend für die Einnahme der Droge ist die aufputschende und kommunikationsfördernde
Wirkung.
Akuteffekte von Ecstasy
Der gewünschte Effekt setzt etwa nach 20 bis 60 Minuten ein und hält bis zu 12 Stunden an.
Es entsteht der subjektive Eindruck einer enorm gesteigerten körperlichen Ausdauer. Die
Stimmungslage ist gehoben, was zugleich Auslöser für den Missbrauch ist. Ecstasy gehört zu
den Entaktogenen: Die Introspektionsfähigkeit wird verbessert und die Kontaktbereitschaft erhöht.
Das Abwehrverhalten gegen unterdrückte Erinnerungen und Verdrängtes lässt nach. Die
Konsumenten werden mitteilungsbedürftig; gleichzeitig empfinden sie innere Ruhe und eine besondere
Harmonie mit ihren Gesprächspartnern sowie große Zärtlichkeit ihm gegenüber.
Die Warnsignale des Organismus werden nicht mehr wahrgenommen. Die Umwelt wird intensiver
wahrgenommen, vorwiegend im Bezug auf Farben, Formen, akustische Eindrücke und der Zeit.
Neurotoxische Wirkungen
MDMA galt lange Zeit als ein selektives serotogenes Neurotoxin. Seit etwa einem Jahr ist bekannt,
dass die Substanz zusätzlich auch die dopaminergen Neuronen - wahrscheinlich irreversibel - schädigt.
Bereits nach einer Einmaldosis greift MDMA die serotonerge Nervenendigung gleich an mehreren
Stellen an. Für die akute Wirkung ist die explosionsartige Freisetzung von Serotonin verantwortlich.
Dopamin und Noradrenalin werden zwar ebenfalls verstärkt freigesetzt, aber nicht in dem Maße wie
Serotonin. Gleichzeitig hemmt MDMA die Tryptphanhydroxylase und damit die Neubildung von
Serotonin aus der Aminosäure Tryptophan. Die Folge ist eine Entleerung der Serotoninspeicher
im Gehirn. Gleichzeitig wird auch die Wiederaufnahme von Serotonin aus dem synaptischen Spalt
unterdrückt. Somit kommt es also infolge der verstärkten Freisetzung von Serotonin und der
Uptake-Hemmung zu einer exzessiven Stimulation der postsynaptischen Serotoninrezeptoren.
Weiterhin inhibiert MDMA selektiv die Monoaminoxidase A ( MAO-A ). Die MAO-B, die
auch andere Monoamine abbaut und ebenfalls in den serotonergen Nervenendigungen vorhanden
ist, wird verschont. Im Gegensatz zur Serotoninsynthese wird die Dopaminsynthese gesteigert.
Zusammenfassung
Die aktuellen Befunde lassen darauf schließen, dass bereits eine einmalige Einnahme von zwei bis
drei sequenziellen MDMA Dosen zu bleibenden Schäden im serotogenen und dopaminergen
System des Gehirns führt. Die Folgen dieser langfristigen neurochemischen Veränderungen sind
Schlafstörungen, Depressionen und Angstzustände, auch Psychosen sowie Herzrythmus Störungen.
Das Suchtpotential von Ecstasy ist auch weiterhin noch ungeklärt. Es muss jedoch darauf
hingewiesen werden, dass von den neurotoxischen Folgewirkungen eine deutlich höhere Gefahr
ausgeht als durch die mögliche Abhängigkeit. Die individuellen und sozialen Auswirkungen des
Ecstasy Konsums sind derzeit noch nicht abzusehen.
Beitrag gehalten während der Dortmund Hemeraner Tage 2003 A. Ameri
Licht - Therapie
Dass Licht eine stimmungsaufhellende Wirkung haben kann, kennen viele Menschen
aus eigener Erfahrung. Bei einer bestimmten Form der Depression - der saisonal
abhängigen Depression oder Winterdepression, kann helles weißes Licht dazu beitragen,
die trübe Stimmung zu vertreiben. Es wird vom Auge aufgenommen und reguliert den
biologischen Schlaf - Wach - Rhythmus, der bei Patienten mit dieser speziellen
Depressionsform gestört ist.
Den Betroffenen wird empfohlen, sich täglich über einige Tage bis zu einer Woche
für jeweils 45 Minuten vor Speziallampen zu setzen, die helles Licht bis
10 000 Lux abgeben und somit helles Licht simulieren. Das Licht, lautet eine gängige
Theorie, stimuliert über die Netzhaut und den Sehnerv Prozesse im Gehirn,
etwa die Freisetzung von Serotonin, das bei Menschen mit saisonaler Depression
in zu geringer Menge ausgeschüttet wird.
Quelle: Informationsbroschüre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
"Es ist, als ob die Seele unwohl wäre ..." Seite 48
Eigene Anmerkungen: Es gibt Geräte die preisgünstig erscheinen. Bitte beachten Sie,
dass das Gerät 10 000 Lux haben muss. Gute Geräte mit 4 oder mehr Leuchtstoffröhren
haben ihren Preis.
Klaus 2. Februar 2003