B
o r d e r l i n e - Persönlichkeitsstörung
Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdient habe,
denn dann brauche ich es am meisten.
Kennzeichen
der Borderline – Störung ( ebenso der narzisstischen Störung ) ist, dass die
Patienten teilweise strukturell unreif oder in kindliche Verhaltensmuster zurückfallend
wirken, hauptsächlich im Bereich der Differenzierung zwischen dem Selbst und
anderen Personen, der Selbstregulation, der Ich – Funktion, der
Beziehungserwartungen und der Kommunikationsfähigkeit.
Dabei
können sie aber unauffällig und effizient funktionieren und ihre soziale Rolle
ausfüllen.
„Zwischen
beiden Welten, der funktionierenden, möglicherweise sogar erfolgreichen und auf
der anderen Seite einer katastrophal – chaotischen Welt können
manche Patienten rasch hin - und her wechseln.
Das
diagnostische Gespräch in der einen Woche zeigt den Patienten als
verzweifelten, erregten, selbst zerstörerischen Menschen, dessen soziale
Situation sich in Auflösung zu befinden scheint, eine Woche später kann ihn
das folgende Gespräch in lächelnder Distanz zu seinen Problemen und mit
wichtigen Plänen befasst sehen.
Symptome
:
Eine Borderline - Störung liegt mit großer Wahrscheinlichkeit vor, wenn ein Mensch unter
mindest fünf der folgenden
9 Symptome leidet :
Unbeständige und unangemessen intensive zwischenmenschliche Beziehungen
Impulsivität
bei potentiell selbst zerstörerischen Verhaltensweisen
Starke
Stimmungsschwankungen
Häufige
und unangemessene Zornausbrüche
Selbstverletzungen
und Suiziddrohungen / - versuche
Fehlen
eines klaren Ich – Identitätsgefühls
Chronische
Gefühle von Leere und Langeweile
Verzweifelte
Bemühungen, die reale oder eingebildete Angst vor dem Verlassenwerden zu
vermeiden.
Stressabhängige
paranoide Phantasien oder schwere dissoziative Symptome
Eine Borderline - Störung kann kaum direkt durch Medikamente behandelt werden. Je nach Intensität der Symptome kann die Gabe von Lithium, von Antidepressiva und / oder von gering
dosierten Neuroleptika sinnvoll sein.
Von den psychotherapeutischen Methoden kommen Verhaltens – Sozial – und Gruppen –
Therapie zum Einsatz. Bei der Kommunikation mit Borderline – Patienten hat sich die sogenannte SET – Kommunikation als hilfreich erwiesen. Danach sollen Kommunikationsprozesse durch die
Botschaften Support ( Unterstützung ) Empathy ( Mitgefühl ) und Truth ( Wahrheit ) geprägt sein.
Die Chancen auf eine völlige Heilung der Borderline - Störung ist eher gering.
Derzeit geht man davon aus, dass bei rund 10 % die Störung soweit zurückgeht,
dass die Diagnose Borderline nicht mehr zutrifft.
Borderline Ambulanz in Bochum:
Im Universitätsklinikum der Universität Bochum, Anmeldung Dienstags von 12.30 Uhr-13.30 Uhr
Telefon: 0234 / 5077-1178 oder mail: steffi.pott@wkp-lwl.org
Voraussetzungen: keine derzeitigen Suchterkrankungen, keine Psychosen, keine stark ausgeprägten
Essstörungen, keine täglichen Selbstverletzungen, keine akute Suizidalität,
Wer meine Gier nicht befriedigt, den hasse ich
Der Borderline - Patient ist ein außerordentlich gieriger Mensch, dessen Bild einer befriedigenden
Existenz beinhaltet, dass andere alles für ihn tun, er weder Dankbarkeit noch Anerkennung zeigt
und auch nicht gewillt ist, irgendwelche Verantwortung zu übernehmen. Doch dieser Mensch
ist Mitglied unserer Gesellschaft. Er hat durchaus den Wunsch geliebt zu werden, aber das
bedeutet für ihn nicht, dass andere ihn als anderen erkennen und dass er einen anderen erkennt
und ihn in seinem Anderssein akzeptiert. Er möchte vielmehr, dass andere Menschen und der
Staat schlechthin alles für ihn tun, dass Gesellschaft und Staat sich für ihn ändern und sich nach
ihm richten, dass er gefüttert und versorgt wird. Liebe bedeutet für ihn, dass der Andere sich von
ihm ausnutzen und auspumpen lässt, wie er dies einst von seiner Mutter erwartet hat.
In seiner Haltung leugnet er die Existenz aller Abhängigkeitsbedürfnisse und Bedürfnisse nach
zwischenmenschlichen Beziehungen anderer wie auch die Existenz aller Verantwortung und Sorge
für das Selbst und für andere. Diese innere Haltung ist in einer milden Form als narzisstisch zu
bezeichnen, die Übergänge zu einer antisozialen Persönlichkeit sind jedoch fließend.
In klinischen Untersuchungen lässt sich zeigen, dass viele narzisstische Persönlichkeiten
antisoziale Züge aufweisen, jedoch alle antisozialen Persönlichkeiten die charakteristischen
Merkmale der narzisstischen Persönlichkeitsstruktur und dazu eine besonders schwere Störung
ihrer Über - Ich - Funktionen zeigen.
Denn die Nichtbefriedigung dieser Gier löst entweder Depression oder Hass aus, d.h. entweder
nach innen oder nach außen gerichtete Wut. Wird die nach außen gerichtete Wut nicht durch
ein Über - Ich gemildert oder neutralisiert, äußert sie sich in den bekannten Hassausbrüchen,
die jenseits aller moralischen Wertvorstellungen, und jeden Verantwortungsgefühls,
von reinem Sadismus geprägt sind.
Der Narzissmus: Ich bin Gott - Beziehung als Beifall
Der Borderline Patient sucht seinen Narzissmus zu befriedigen, indem er für sein Verhalten
Anerkennung und Lob von seiner Gruppe, Partei, Nation sucht. Er ist geradezu abhängig davon,
Zeichen der Bestätigung wahrzunehmen. Wird er zurückgewiesen, stellt dies eine tiefe und
ernsthafte Kränkung für ihn dar. Anstatt jedoch aus einer Zurückweisung den Schluss zu ziehen,
dass er sein Verhalten zu ändern habe, besteht er weiterhin darauf, Befriedigung, Verständnis
und Bekräftigung der eigenen Haltung zu bekommen oder er fühlt sich derart tief gekränkt,
dass er sich aus der drohenden inneren Leere nur durch körperliche Stimuli
( einen Kampf anzetteln, das Stürzen in waghalsige Unternehmungen, Zufügen von Schmerz )
wieder ein Gefühl des Wirklichseins verschaffen kann.
Ein Nebeneffekt ist wiederum Aufmerksamkeit, die die Gesellschaft ihm schenkt.
Quelle : www.jsbielicki.com
Therapeutische Interventionen bei selbstschädigenden Verhalten
von Patienten mit Borderline - Störung
Befasst man sich mit auto - und fremdaggressiver Gewalt als ubiquitäres Phänomen
psychiatrischer Störungen, liegt es nahe, die Borderline - Persönlichkeitsstörung ( BPS )
näher in Augenschein zu nehmen. Bei Patienten mit einer BPS liegt die Selbstverletzungsrate
zwischen 69-80% und die Suizidrate zwischen 5-10% wobei Bromisch deutlich macht,
dass das höchste Suizidrisiko der Patienten zwischen dem 20. und 29. Lebensjahr liegt.
Das Ausmaß und die Qualität der autoaggressiven Verhaltensweisen forderte Kritiker in den
letzten Jahren zunehmend auf, spezifische Störungsmodelle für die BPS zu entwickeln und
entsprechende Behandlungsstrategien daraus abzuleiten. Die Notwendigkeit einer effektiven
Behandlung von Selbstverletzungsverhalten bei Patienten mit BPS ergibt sich aber nicht nur
aus dem subjektiven Leidensdruck der Patienten oder der Ärzte und Therapeuten, die der
hartnäckigen Symptomatik oft hilflos gegenüberstehen, sondern auch aus
gesundheitsökonomischen Gründen.
Epidemiologie und gesellschaftliche Relevanz der BPS
Prävelenz von BPS: 1,5 % ( 70 % sind Frauen )
ca. 15 % der Patienten in psychiatrischen Kliniken leiden an BPS
84 % der Patienten mit BPS werden im Verlauf stationär aufgenommen
80 % werden nach einer ersten Aufnahme erneut aufgenommen
Durchschnittliche Anzahl stationärer Behandlungstage pro Patient pro Jahr: 65 - 75
Direkte Kosten ca. 18 000 € pro Patient pro Jahr
Anfang der 90er Jahre legte Marsha Linehan erstmalig ein wissenschaftlich evaluiertes
störungsspezifisches Behandlungskonzept für die Borderline Persönlichkeitsstörung vor.
Die von Linehan entwickelte Dialektisch Behaviorale Therapie ( DBT ) etablierte sich in
den letzten Jahren sowohl in den USA als auch in Europa immer mehr als Behandlungs -
methode der Wahl für die BPS.
In Anlehnung an die DBT von Linehan und auf dem Hintergrund der diagnostischen
Kriterien der BPS soll im Folgenden ein spezifisches Störungsmodell für Selbstverletzungs-
verhalten von Patienten mit BPS erläutert werden. Im ersten Schritt werden entsprechende
verhaltenstherapeutische Interventionen dargestellt, die wir mit den Patientinnen intensiv
erarbeiten und trainieren.
In einer Studie konnte nachgewiesen werden, dass Borderlinepatientinnen im Vergleich
zu gesunden Probanden signifikant häufiger, länger und intensiver aversive Anspannungs-
zustände erleben, wobei sie gleichzeitig an einer Schwierigkeit leiden, die entsprechenden
Emotionen zu differenzieren. Inzwischen wird eine aversive, plötzliche hohe Anspannung,
die keiner bestimmten handlungsweisenden Emotion zugeordnet werden kann, als
Leitsymptome der BPS angesehen, über das ca. 95 % der Patientinnen berichten.
Das Vorliegen dieser Symptomatik ist oft ein Hinweis auf das Vorliegen einer BPS, jedoch
kein hinreichendes Kriterium. Bei der Diagnostik der BPS sollte eine Orientierung an den
DSM - IV Kriterien erfolgen. Für die Diagnose einer BPS müssen 5 von 9 Kriterien erfüllt sein.
Verzweifeltes Bemühen, reale oder imaginäre Trennung zu verhindern
Ein Muster von intensiven und instabilen interpersonellen Beziehungen
Identitätsstörung: ausgeprägte Instabilität des Selbstbildes oder des Gefühls für sich selber
Impulsivität in mind. 2 selbstschädigenden Bereichen, also Hochrisikoverhalten
Wiederkehrende Suiziddrohungen, - versuche oder selbstschädigendes Verhalten, ca 70 %
Affektive Instabilität: ausgeprägte Sensibilität der Stimmung, ( Angst, Reizbarkeit )
Chronisches Gefühl von Leere
Unangemessene, starke Wut, die schwer zu kontrollieren ist ( Wutausbrüche, Aggressivität )
Vorübergehende stressabhängige paranoide Vorstellungen oder dissoziative Symptome
Die ersten beiden Kriterien beschreiben die für Borderlinepatientinnen interaktionellen
Schwierigkeiten. Kriterium 3 behandelt die sehr häufige Identitätsstörung der Patienten, ein Konzept,
das vor allem an das tiefenpsychologische Störungsverständnis der BPS abknüpft. Unserer Erfahrung
nach sollte dieses Kriterium auch das Konzept des Selbstbildes bzw. die typischerweise sehr negativen
kognitiven Schemata der Patientinnen über die eigene Person umfassen. Die Kriterien 4, 5, 6 und 8
stehen in engem Zusammenhang mit der Leitsymptomatik der Borderlinepatientinnen und sollen ebenso
wie Kriterium 9 durch die Vorlage eines spezifischen Störungsmodells für die BPS erklärt werden.
Diese Kriterien behandeln das Spektrum der Selbstschädigungsneigung von Borderlinepatientinnen
von einer oft gefährlichen Impulsivität über Selbstverletzungen bis hin zur Suizidität. Charakteristisch
für die BPS ist das Auftreten dieser Symptome in Abhängigkeit von der momentanen Stimmung bzw.
Anspannung der Patientinnen, die häufig stark variiert (affektive Instabilität), und bei sehr hohen
Anspannungsniveaus zu stressabhängigen psychotischen Symptomen oder Dissoziation führen kann.
Das chronische Gefühl innerer Leere ( Kriterium 7 ) wird von den betroffenen Patientinnen ebenfalls
als sehr aversiv erlebt und in Verbindung mit hoher subjektiv empfundener Anspannung genannt.
Nach Linehan steht im Zentrum der BPS eine Störung der Affektgenerierung und - regulierung.
Als ursächlich für die Affektregulationsstörung bei der BPS werden sowohl eine neurobiologische
Prädisposition als auch frühe Traumatisierungen diskutiert. Mehrere Studien finden Hinweise auf
genetische sowie prä- und perinatale Einflüsse auf neurobiologische Prozesse bei Borderline -
patientinnen. Außerdem haben 81 % der Borderlinepatientinnen Realtraumata in Form von körperlicher
Misshandlung, sexuellem Missbrauch oder massiver häuslicher Gewalt erlebt. Traumatisierende
Erfahrungen führen häufig zu einer generellen Hyperaktivität des autonomen Nervensystems und zu
Störungen der subkortikalen Zentren im limbischen System. Betroffen sind die Strukturen der
Amygdala, des Hippokampus und des Septums, also der Regionen, die als entscheidend für die
Ausbildung eines "emotionalen Gedächtnisses" angesehen werden. Die bereits erwähnte Studie von
Siglmayr konnte nachweisen, dass Borderlinepatientinnen in der beschriebenen hohen Anspannung
sehr häufig in dissoziative Zustände wie Derealisation und Depersonalisation geraten und ein Gefühl
von Unwirklichkeit haben. Die hohe Dissoziationsneigung von Borderlinepatientinnen ist wahrscheinlich
auf die traumatisierenden Erfahrungen der Patientinnen zurückzuführen. Der bei jedem Menschen
angelegte Mechanismus der Dissoziation dient als "biologischer Schutz" vor einer Überflutung durch
Emotionen, die den Menschen in Extremsituationen überfordern bzw. handlungsunfähig machen
würden. In der Dissoziation wird das emotionale Erleben gewissermaßen ausgeblendet und der
Mensch kann die Situation überleben, ertragen oder gegebenenfalls sogar noch sinnvoll handeln.
Bei Borderlinepatientinnen, die wiederholt mit traumatisierender Gewalt konfrontiert waren, ist die
Neigung zur Dissoziation im Zeitverlauf gestiegen. Die Dissoziation als eine für bedrohliche
Situationen funktionale Adoption des neurobiologischen Systems führt dazu, dass die Patientinnen
in späteren nicht tatsächlich bedrohlichen Situationen ebenfalls frühzeitig dissoziieren.
Borderlinepatientinnen erleben dies häufig als Kontrollverlust, als bedrohliches, aversives
Geschehen, das auf der körperlichen Ebene häufig mit einer Einschränkung der Sinneswahr -
nehmungen sowie einer Analgesie einhergeht.
Oft führt das Erleben von Dissoziation zu dysfunktionalen Annahmen über die eigene Person
oder bestätigt nur bereits vorhandene negative Annahmen, wie "ich bin doch nicht normal",
"ich kann nicht mit meinen Gefühlen umgehen, wenn es darauf ankommt, " kein Wunder das
andere mich meiden, wenn ich so weggetreten bin" etc..Solche dysfunktionalen Annahmen wirken
sich im Sinne einer negativen Rückkopplung wiederum ungünstig auf die Affektregulation aus.
In der Folge entwickeln Borderlinepatientinnen gewissermaßen eine Phobie vor jeglicher Art
emotionsauslösender Situationen oder sogar vor den Emotionen selbst, so dass Linehan in diesem
Zusammenhang von einer generellen "Emotionsphobie" der Borderlinepatientinnen spricht.
Häufig führen diese Umstände zu einem Rückzugsverhalten der Patientinnen aus sozialen
Interaktionen, da diese potenziell besonders stark emotional besetzt sind (mangelnde
psychosoziale Realitätsorientierung ). Patienten vermeiden notwendige schulische oder beruf-
liche Auseinandersetzungen, ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück und geraten nicht selten in
eine soziale Isolation, die eine allmähliche Adaption an die real gar nicht so bedrohliche Umwelt nicht
zulässt bzw. den Aufbau von Fertigkeiten zum Umgang mit sozialen Interaktionen und eigenen Emotionen
verhindert. Bei ca. 70 % der Borderlinepatientinnen kommt es irgendwann zu extremen oder sehr
dysfunktionalen Verhaltensweisen im Umgang mit starken Emotionen. Patientinnen stellen fest, dass bei-
spielsweise eine Selbstschädigung in Form von Schneiden oder Verbrennen einen aversiven
emotionalen Zustand oder eine beängstigende Dissoziation schnell beendet. Der kurzfristige Erfolg
durch die Beendigung des aversiven Zustandes verstärkt das Selbstverletzungsverhalten negativ,
so dass es im Verlauf immer häufiger zu Selbstverletzungen kommt. Bei vielen Borderlinepatientinnen
ist die Selbstverletzung auf diese Weise zur gewohnten dysfunktionalen Lösungsstrategie geworden.
Eine Patientin schrieb diese Entwicklung einmal sakastisch mit den Worten..."das ist mir halt in
Fleisch und Blut übergegangen".
Linehan betont drei Merkmale, die charakteristisch sind für die Affektregulationsstörung bei
Borderlinepatientinnen:
1. Eine hohe Sensitivität für emotionale Reize. Dies impliziert eine niedrige Reizschwelle
sowie eine schnelle Reaktion auf emotionale Stimuli.
2. Die hohe Reaktivität, d.h. eine starke Auslenkung der emotionalen Reaktion, also das sehr
intensive emotionale Erleben und die hohe Dissoziationsneigung.
3. Eine langsame Rückbildung der Spannung zum Normalniveau.
Auffällig ist die bereits vor dem ersten Auslöser vorhandene höhere Grundanspannung der
Patienten mit BPS. Diese Ausgangssituation ergibt sich aus der Hyperaktivierung des autonomen
Nervensystems bei der BPS oder beispielsweise aus dem Umstand, dass Borderlinepatientinnen
häufiger bereits sehr angespannt wach werden, weil sie nachts nach Alpträumen über frühere
Traumatisierungen gelitten haben.
In Anwesenheit eines emotionalen Stimulus wird die hohe Sensibilisierung sowie die starke
Reaktivität der Borderlinepatientinnen im Vergleich zu dem Gesunden deutlich. Im Verlauf bildet
sich das Anspannungsniveau vergleichsweise langsam zurück, so dass bei einem zweiten Auslöser
bereits ein extremes Anspannungsniveau erreicht ist, bei dem möglicherweise zwei Emotionen
gleichzeitig aktiviert sind, ein Zustand, der den Betroffenen typischerweise als Gefühlschaos
beschrieben wird. Außerdem neigen Borderlinepatientinnen unter solchermaßen hohen
Anspannungszuständen zur Dissoziation. Ein Zustand, in dem die Patientin kaum noch Coping -
möglichkeiten hat und in dem zweitens eine Habituation der Gefühle unmöglich wird.
Da das emotionale Erleben in der Dissoziation stark gedrosselt wird und außerdem eine
kognitive Überprüfung der tatsächlichen Gefährlichkeit der Situation eingeschränkt ist, können
Borderlinepatientinnen eine adäquate Anpassung der erlernten kognitiven Schemata an die
Realität nicht vornehmen. Dieser Umstand ist für die Planung therapeutischer Interventionen von
großer Bedeutung, da bspw. ein in der Angstbehandlung indiziertes Vorgehen im Sinne einer
Reizkonfrontation nicht zur Habituation führen würde, sondern möglicherweise zu einem
erneuten Kontrollverlust. Die Therapie sollte also stattdessen auf den Aufbau von Fertigkeiten
ausgerichtet sein, die an die Stelle von Selbstverletzungen treten, so dass Patientinnen lernen mit
hohen Anspannungsniveaus umzugehen bzw. diese herunterzuregulieren.
Zsammenfassend kann also festgehalten werden, dass Selbstverletzungen durch den Mechanismus
der negativen Verstärkung zu dysfunktionalen Lösungsstrategien werden, die von Borderline -
patientinnen eingesetzt werden, um sehr hohe aversive Anspannungszustände oder Dissoziationen
zu beenden. Die dialektisch - behaviorale Therapie zielt entsprechend darauf ab, dass die Patientin
anstelle der Selbstverletzungen neue, funktionale Fertigkeiten (oder Skills) zur Spannungsregulation
erlernt. Die DBT sieht für die therapeutische Arbeit an Selbstverletzungsverhalten viele
grundlegende Regeln für die Therapie vor, die sich als sehr hilfreich erwiesen haben:
Non-Suizid Vertrag, Absprache für Krisen,
Behandlungsvertrag - Selbstverpflichtung der Pat, an der Reduktion von Selbstverletzung
zu arbeiten.
Weitere Regeln: Vereinbarte Mindesttherapiezeit, Störungsmodell,
Verhaltensbeobachtung mit diary-card
Nach einer SV schreibt die Pat. eine Verhaltensanalyse und Lösungsanalyse
Die Patientinnen schließen mit ihrem Therapeuten oder bei der stationären Behandlung mit
dem therapeutischen Team einen Behandlungsvertrag ab, der einen Non-Suizid Vertrag für
die Dauer der Therapie impliziert sowie eine Selbstverpflichtung der Patientinnen, tatsächlich
an der Reduktion von Selbstverletzungen zu arbeiten. Im Gegenzug sieht der Vertrag vor, dass
der Therapeut bzw. das Team die Patientin - in den Grenzen der therapeutischen Rahmen -
bedingungen - bestmöglich dabei unterstützt. Kann sich die Patientin auf einen solchen Vertrag
einlassen, ist eine Basis für die Therapeuten gegeben und der Patientin wird zunächst
ausführlich das neurobehaviorale Störungsmodell der BPS erläutert. Aus verhaltens -
therapeutischer Sicht ist diese Transparenz des therapeutischen Störungsverständnisses und
der entsprechenden Therapieplanung wahrscheinlich selbstverständlich, die wenigsten
Patientinnen haben jedoch im Laufe ihrer oft sehr zahlreichen Arzt - bzw. Therapeutenkontakte
diese Art von Offenheit und des Zusammenarbeitens erlebt.
Im nächsten Schritt wird mit der Patientin eine Verhaltensbeobachtung in Form einer diary card
vereinbart, die das Ausmaß der Selbstverletzungen dokumentiert und gleichzeitig im Verlauf als
Erfolgskontrolle dienen kann. Kommt es zu einer Selbstverletzung, erstellt die Patientin mit dem
Therapeuten eine genaue Verhaltensanalyse zu dem Problemverhalten, den Konsequenzen des
Verhaltens und den vorausgehenden Bedingungen, sowie eine Lösungsanalyse-
Im Verlauf der Therapie wird das Erstellen einer detaillierten Verhaltens- und Lösungsanalyse
zur Methode, die von der Patientin selbstständig zur Reflexion eingesetzt wird. Die Lösungsanalyse
orientiert sich dabei hauptsächlich an folgenden Fragen:
An welcher Stelle hätten Sie das Problemverhalten vieleicht umgehen können?
Welche Skills oder andere Bewältigungsmöglichkeiten hätten Sie anwenden können?
Was können Sie zukünftig in ähnlicher Situation statt einer Selbstverletzung versuchen?
Die Lösungsanalyse zielt darauf ab, für zukünftige potentiell schwierige Situationen funktionale
Verhaltensweisen ( Skills ) zum Umgang mit belastenden Emotionen und Anspannungen zu
antizipieren und im Verlauf der Therapie immer weiter zu trainieren. Linehan hat zu diesem Ziel eine
Hierarchie möglicher Skills aufgestellt, die sich an dem jeweiligen Spannungsniveau orientiert.
Nachdem bereit im Modell der Affektregulierungsstörung deutlich wurde, dass sich Borderline -
patientinnnen häufig in sehr hohen Anspannungszuständen selber verletzen, legt die Skillzuordnung
nach Linehan nahe, mit den Patienten vor allem die so genannten Stresstoleranzen - Skills zu üben,
um zukünftige Selbstverletzungen zu verhindern. Mittels der Stresstoleranz-Skills sollen Patienten
1. Wege finden, um unangenehme Ereignisse, Gefühle und extreme Anspannug zu
reduzieren oder zu ertragen, wenn sich die Situation nicht verändern lässt.
2. herausfinden, welche Sinneskanäle bei hoher Anspannung noch zugänglich sind und somit
zur Reduktion von Anspannung genutzt werden können ( Stresstorenzskills ).
3. Eine individuelle Hierarchie von schwierigen Situationen und entsprechenden, hilfreichen
Skills erstellen.
4. letztendlich überhaupt die Voraussetzungen für eine kognitive Beurteilung der Emotionen
und auslösenden Bedingungen schaffen, indem Dissoziationen verhindert werden.
Typische Skills zur Reduktion von hoher Anspannung oder zur Beendung von Dissoziationen
einzusetzen üben, sind unter anderem:
intensive Reize ( Notfallkoffer ), Eiswürfel, Kühlpack,, Igelball, über Stock laufen, Musik,
Knackfrösche, Ammoniak, Chilischoten usw.
ablenken: Atemübungen, einfache Tätigkeiten ausführen, Sport usw.
imaginative Techniken, wie sicherer Ort oder Entspannungsverfahren, wie z.B. die progressive
Muskelrelaxion.
Diese beispielhaft angeführten Skills haben sich in der Praxis als sehr effektiv herausgestellt.
Allerdings muss jede Patientin im Laufe der Therapie herausfinden, welche Sinneskanäle in hohen
Anspannungszuständen mit welchen Stresstoleranz - Skills am effektivsten genutzt werden können,
um Selbstverletzungen zu verhindern. Diese Arbeit erfordert von den Borderlinepatientinnen eine
hohe Änderungsmotivation, Frustrationstoleranz und Selbstdisziplin. Hierfür brauchen sie dringend
intensive Unterstützung durch ihre Einzeltherapeuten und gegebenenfalls durch das stationäre
Behandlungsteam.
Quelle: Beitrag von Herr A. Bannk ,
Dortmund Hemeraner Tage 2003