Diese Seite richtet sich ausschließlich an Partner / Angehörige
von depressiv erkrankten Menschen.
In meiner langjährigen Erfahrung in der Leitung einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen,
wurde mir bewusst, dass es den depressiv erkrankten Menschen gibt, auf der anderen Seite aber auch
den gesunden Partner / Partnerin, der sehr ratlos ist, sich hilflos vorkommt und verzweifelt ist.
Der Depressive fühlt sich nicht verstanden - der Angehörige weiß oftmals nicht, was er tun soll.
Depressionen umfassen Veränderungen
des Erlebens
des Denkens
des Verhaltens
des Körpers
Depressionen zermürben auf allen Ebenen:
seelisch
körperlich
vor allem aber zwischenmenschlich
Das betrifft
Partner / Partnerin,
die Kinder,
die Eltern
weitere Angehörige,
Freunde, Nachbarn,
Bekannte,
Berufskollegen und Vorgesetzte.
Bedenken Sie, Depressionen sind eine Erkrankung mit mehreren
Krankheitsbildern, so dass sie selbst von Ärzten nicht sofort erkannt werden!
Äußert ihr depressiver Partner Selbstmordabsichten, nehmen Sie diese
absolut ernst.
Informieren Sie sofort den Facharzt oder rufen Sie die Telefonseelsorge an!
Weitere Stellen finden Sie unter "Anlaufstellen" auf dieser Homepage.
Es gibt ´ne sehr komplizierte Beziehung bei uns momentan. Und da herauszukommen
und die richtigen Mittel und Wege zu finden, das ist das, was mir am meisten schwer
fällt. Was Du tust - bist Du hart oder streng, bist Du weich oder gütig, verzeihst Du
alles, schluckst alles weg, lässt Du alles an Dir abprallen, verarbeitest es -
nimmst es nicht als persönlichen Angriff - das ist eben die Schwierigkeit.
( Ehepartner einer depressiven Patientin )
Bleiben Sie geduldig
Versuchen Sie nicht, den Erkrankten von der Grundlosigkeit seiner Schuldgefühle zu überzeugen.
Lassen Sie sich nicht auf Streit darüber ein, ob seine negative Sichtweise "objektiv" gerechtfertig sei
oder nicht. Beides wird keinen Erfolg bringen!
Tun Sie die körperlichen Missempfindungen und Krankheitsängste des Depressiven nicht als übertrieben
oder "nur psychisch bedingt" ab, denn depressive Menschen dramatisieren ihr Erleben nicht.
Es ist die Depression, die auch leichte Schmerzen oder Missempfindungen ins kaum Erträgliche steigert.
Wenden Sie sich nicht von Ihrem erkrankten Angehörigen ab, auch wenn er Ihnen
noch so abweisend erscheint!
Überfordern Sie sich nicht
Ist ein Patient über Monate hinweg depressiv, belastet die Krankheit sicher auch Sie als Angehörigen.
Deshalb ist es wichtig, dass Sie die Grenzen Ihrer eigenen Belastbarkeit kennen und Ihre eigenen
Interessen nicht aus den Augen verlieren.
Tun Sie sich öfter etwas Gutes, pflegen Sie die Kontakte im Freundeskreis.
Seien Sie zurückhaltend mit gut gemeinten Ratschlägen
Es hat keinen Sinn, einem depressiven Menschen zu raten, abzuschalten und für ein paar Tage zu
verreisen, denn eine fremde Umgebung verstört den Patienten meist zusätzlich.
Eine räumliche Veränderung z.B. Urlaub "zum Seele baumeln lassen" - sollte für die Dauer der
Erkrankung tabu sein. Den romantischen Sonnenaufgang am Traumstrand sieht der Betroffene
durch die dunkle Brille, der Anblick deprimiert ihn eher noch, weil er ihn nicht genießen kann.
Raten Sie dem Depressiven auch nicht "sich zusammenzunehmen" - ein depressiver Mensch
kann diese Forderung nicht erfüllen. Dieser Ratschlag verstärkt möglicherweise sogar seine Schuldgefühle.
Vermeiden Sie appellatives Verhalten wie z.B. "Du bist doch früher gerne Fahrrad gefahren"
oder gar wertendes vergleichendes Verhalten "Na, das ist ja wohl nicht zuviel verlangt".
Subjektive Belastungen
In Studien von Jones und Jones ( 1994 ) zeigte sich, dass sich 31 % durch das Zeitmanagement "sehr"
oder "etwas" belastet fühlten. 28 % der Angehörigen wurden durch die pflegerische Tätigkeiten,
21 % durch die Hausarbeit belastet. Es zeigte sich, dass das Ausmaß der erlebten Belastungen bezüglich
des Verhaltens des Erkrankten groß war. So fühlten sich 76 % durch die dadurch bestehende Scham
belastet. 53 % empfanden die übermäßigen Forderungen belastend. 50 % erlebten Belastungen durch
gewalttätiges Verhalten, 43 % durch Suizidversuche.
Partner beschreiben die psychische Erkrankung als Stresssituation. Sie befürchten gesundheitliche
Beeinträchtigungen und nehmen auch eigene Stressreaktionen wahr.
Die durch die Erkrankung bestehenden Einschränkungen und Veränderungen lösen bei den
Angehörigen vielfältige Emotionen aus, die als emotionale Belastung beschrieben werden.
Zusammenfassend zu nennen sind:
Schuldgefühle
Scham
Hilflosigkeit
Angst vor Rückfällen oder dem Suizid des Patienten
Trauer und Verlustgefühle
Zukunfts- und Existenzängste
Einsamkeit
ständiges Auf und Ab zwischen Hoffnung auf Besserung und Enttäuschung bei Rückfällen
Ein Drittel der Befragten geben sich selbst die Schuld an der Erkrankung bzw. sehen sich als
Mitverursacher. Schuldgefühle werden oft durch Vorwürfe von Bekannten, Verwandten oder
professionellen Helfern verstärkt. Sie entstehen aber auch durch das Verhalten des Patienten, der z.B.
auf Kontaktangebote wütend reagiert. Damit einhergehend besteht große Scham bei den Angehörigen,
weshalb die Krankheit versteckt wird und sich die Familie von der Umwelt abkapselt.
Die dadurch entstehende Einsamkeit wird durch die wachsende Entfremdung zwischen den Ehepartnern
selbst verstärkt. Viele Partner, besonders Ehefrauen, beschreiben Gefühle des Verlusts (50 %) sowie
von Trauer und Schuld (66 %). Sie erleben Zukunftsängste. Dreiviertel der Befragten gaben an, dass
Wünsche und Hoffnungen, die sie mit der Ehe verbanden, unerfüllt geblieben seien.
Die Zukunft der Ehe muss neu betrachtet werden. Für viele stellt sich die Frage, ob die Ehe oder
Partnerschaft überhaupt weiter geführt werden kann.